Athletic Bilbao – Geschichte und Fans

In unserer Serie Blick über den Ostkurvenrand - Herthas Europapokalgegner im Fokus schauen wir vor jedem Europokalspiel mit besonderem Fokus auf Geschichte, Politik und Fans unserer internationalen Gegner. Am ersten Spieltag der Gruppenphase empfängt Hertha den spanischen Club Athletic Bilbao.

Mit Athletic Bilbao ist ein nicht gerade alltäglicher Verein am Donnerstag im Olympiastadion zu Gast: Im Verein spielen nämlich ausschließlich Spieler, die Basken sind oder in den spanischen und französischen baskischen Provinzen ausgebildet wurden. Diese Regelung besteht schon seit 1912 und spiegelt die Bedeutung von Athletic Bilbao für die baskische Identität wider.

Athletic gibt als Gründungsdatum das Jahr 1898 an und sieht sich damit in der Tradition des Club Athletic, der von Studierenden 1898 gegründet wurde. Bereits seit Anfang der 1890er-Jahre existierte darüber hinaus der Bilbao Football Club, der von englischen Werftsleuten initiiert wurde. Als 1902 erstmals der spanische Landespokal (Copa del Rey) ausgetragen wurde, entschlossen sich beide, also Athletic Club und Bilbao Football Club, dazu, eine gemeinsame Mannschaft für Bilbao ins Rennen zu schicken. Diese wurde nach der baskischen Provinz, in der Bilbao liegt, benannt: Bizkaia. Mit dieser gemeinsamen Mannschaft holte Bilbao den ersten Copa del Rey. Nach dem Gewinn des Pokals entstand durch Zusammenlegung beider Vereine Athletic Bilbao. Bis etwa Anfang der 1960er-Jahre eilte der Verein von Erfolg zu Erfolg. So holte Athletic 21 mal den spanischen Landespokal (der unter der faschistischen Franco-Diktatur Copa del Generalismo hieß) und wurde seit der Gründung der spanischen Liga (1928) sechsmal spanischer Meister.

Wissenswert:
Die Trophäe für den besten Torjäger der spanischen Liga, die sogenannte Trofeo Pichichi, wurde nach dem legendären Stürmer der 1910er-Jahre Pichichi (Rafael Moreno Aranzadi) von Bilbao benannt. Pichichi erzielte das erste Tor im alten San Mames. Beim Finale des Copa del Rey 1913 schoss er einen Hattrick.

Ein gravierender Einschnitt für den Verein in sportlicher Hinsicht waren die Änderungen der Regeln des spanischen Verbandes zum Ende der 1950er: Bis dahin war es spanischen Vereinen untersagt, ausländische Spieler zu beschäftigen. Mit der Lockerung dieser Regel war es Mannschaften wie denen von Real Madrid und dem FC Barcelona nun möglich, sportlich an Bilbao vorbeizuziehen, da man hier weiterhin an der eigenen Clubphilosophie, nur baskische Spieler ins Team aufzunehmen, festhielt. Von den insgesamt 21 Pokalerfolgen fallen nur drei in die Zeit nach 1960, Bilbao wurde mit wenigen Ausnahmen zunehmend ein eher mittelmäßiger Verein.

Mit der Machtübernahme durch Franco veränderten sich aber auch die politischen Voraussetzungen für den Club: Athletic musste sich in Athletico umbenennen, da es Vereinen nun verboten war, ausländische Namen zu haben. Bilbao und andere baskische Mannschaften litten zusätzlich unter der Franco-Diktatur, da auch die baskische Fahne und weitere Symbole verboten wurden. Nachdem im November 1975 der Diktator Franco starb, benannte sich der Club wieder in Athletic Bilbao. Eine Aktion mit noch größerer Signalwirkung ging von der Bilbao-Club-Legende José Angel Iribar sowie dem Kapitän vom baskischen Rivalen Real Sociedad, Ignacio Kortabarria, aus: Im Dezember 1976 steckten die Spieler beider Teams die baskische Fahne vor dem Spielbeginn in den Anstoßpunkt und präsentierten sie so zum ersten Mal seit Francos Tod öffentlichkeitswirksam. Der Fußball wurde zur Bühne für die Politik der baskischen Unabhängigkeitsbewegung.

Iribar erinnerte sich 2013 anlässlich eines Artikels im Transparent-Magazin wie folgt:
Die Spieler von Real und Athletic vereinten ihre Kräfte, um einen weiteren Impuls für die Anerkennung des Baskenlands zu geben. Ohne Zweifel rief diese Entscheidung ein großes öffentliches Echo hervor, wurde aber von einer großen Mehrheit begrüßt.

Iribar und Kortabarria beim Spiel von Athletic Bilbao bei Real Sociedad, 1976

Dieses Ereignis zeigt, wie wichtig das Baskenland für die Identität des Clubs Athletic Bilbao ist. Der Verein steht stellvertretend für eine Region, die seit jeher dafür bekannt ist, eine große Unabhängigkeitsbewegung zu haben. Als die linksgerichtete Partei Herri Batasuna verboten werden sollte, standen an einem Tag Hunderttausende auf den Straßen, um gegen dieses Verbot zu demonstrieren. An den Wänden Bilbaos findet man zahlreiche politische Malereien.

Auch die Fans von Athletic sind nicht unpolitisch und stehen für den Kampf der Unabhängigkeit von Euskal Herria (Baskenland). Als führende Gruppe sei die Herri Norte Taldea (HNT) genannt, die wohl schon seit 1982 existiert. Übersetzt heißt es soviel wie "Menschen von der Nordtribüne". Im Stadion hat die HNT, die größte Gruppe der Kurve, ihren Standort entsprechend auf der Nordseite des San Mames. Die etwa 600 Mitglieder bezeichnen sich selbst als Ultras, werden aber von der Polizei eher als Hooligans eingestuft. Die Einstufung als Hooligans hat dabei vor allem politische Gründe, über die wir euch anlässlich des Auswärtsspiels in Bilbao informieren möchten. Die Mitglieder der HNT teilen damit die Selbsteinschätzung vieler baskischer Fanszenen (bzw. Teile von Fanszenen), die zumeist einen antirassistischen Konsens pflegen oder sich gar als Antifa-Ultra-Gruppen betiteln. Als solche stehen sie der Unabhängigkeitsbewegung des Baskenlandes sehr nah. Im Stadion selbst präsentierte die HNT des Öfteren Choreographien und Spruchbänder für ein autonomes Baskenland. Fast immer zu sehen sind auch die baskischen Fahnen und die Fahnen der Antifaschistischen Aktion, die jedoch mit baskischen Farben und dem Schriftzug "Euskal Herria Antifeixista" deutlich abgeändert ist. Die Gruppe pflegt Kontakte mit den Ultras aus Livorno.

Beim Pokalfinale 2015 in Barcelona solidarisierten sich die Fans von Bilbao mit der Katalanischen Unabhängigkeitsbewegung: Sie pfiffen während der Spanischen Hymne den im Stadion anwesenden König Felipe aus. Dies führte zu Schlagzeilen in der europäischen Presse, da beide Vereine eine fünfstellige Strafe wegen Majestätsbeleidigung zahlen mussten.

Außerhalb der Stadionaktivitäten ist die HNT sehr gut mit Initiativen in Bilbao und Umland vernetzt. So setzen sie sich für afrikanische Geflüchtete ein oder unterstützen die Initiativen beim Kampf gegen Repressionen durch den spanischen Staat und fordern regelmäßig die Freilassung aller baskischen Gefangenen in Spanien und Frankreich.

Somit kommt nicht nur ein interessanter Verein, sondern auch eine wohl besondere Fanszene zu unserer Hertha. Kurz vor dem Auswärtsspiel in Bilbao widmen wir uns deshalb dann nochmal dem schwierigen Verhältnis der Ultras zur spanischen Polizei.

Weitere interessante Artikel zum aktuellen Thema finden sich u. a. bei Spiegel Online und, wie angesprochen, im Transparent-Magazin.

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