Fußballpolitik im Wahlkampf – Ein Vergleich

Am Sonntag, den 24. September 2017, stehen die  Bundestagswahlen an. Viele Parteien proklamieren die Wahl für sich als „Richtungsentscheidung“. Viele Fragen stehen dabei im Raum:

In was für einer Gesellschaft wollen wir „gut und gerne“ leben? Was bedeutet soziale Gerechtigkeit? Wie gehen wir mit einer immer weiter erstarkenden rechten Bewegung in der Bundesrepublik um?

Jede Partei kämpft dabei um die Gunst seiner potentiellen Wählerinnen und Wähler und ringt um eine politische Mehrheit.

 Und der Fußball?

Es geht also um viel. Ein Thema, das im Wahlkampf jedoch (wenn überhaupt) nur am Rande eine Rolle spielt, ist das Feld der Fanpolitik und des Fußballs. Wie stehen die Parteien zur Legalisierung von Pyrotechnik? Wie schätzen die Parteien die fortschreitende Kommerzialisierung des Fußballs ein? Was wollen sie dagegen tun, falls sie die Entwicklung für bedenklich halten? Wollen sich die Parteien für eine Kennzeichnungspflicht für Polizistinnen und Polizisten einsetzen? Solche und weitere Fragen trieben uns vermehrt um und daher entschlossen wir uns, als Faninitiative Hertha für Alle, einen Fragenkatalog an die Parteien vor der Bundestagswahl zu schicken. Aufgrund der Fülle der für die Bundestagswahl 2017 zugelassenen Parteien, war eine Vorauswahl für uns indes unerlässlich. Angefragt wurden demnach nur solche Parteien, die in den vergangenen Umfragen deutlich über der 5 %-Hürde lagen und mit dessen Einzug in den Bundestag folglich zu rechnen sein würde. Durch diese Vorauswahl erhofften wir uns ein möglichst facettenreiches Meinungsbild von Parteien, die diese Politik in Zukunft auch in das Parlament tragen wollen. Befragt wurden schließlich die CDU, die SPD, Bündnis 90/Die Grünen, die Linke und die FDP. Weshalb die AfD nicht angefragt wurde, könnt ihr in den FAQ zu unserem Fan-O-Mat nachlesen.

Interaktiver Fan-O-Mat

Wer völlig wertfrei in unseren Vergleich der Positionen einsteigen will, probiert sich am besten am Fan-O-Mat – in Anlehnung an den bekannten Wahl-O-Mat benannt, der aber im Gegensatz zu diesem ausschließlich fanspezifische Fragen beinhaltet. Ihr könnt neun Fragen und die dazugehörigen Antworten der Parteien bewerten und erhaltet anschließend ein Ergebnis, das euch verrät, mit welcher Partei ihr aus fanpolitischer Sicht die größten Übereinstimmungen habt. Auf zum Fan-O-Mat!

Keine Antwort der SPD

Eine herbe Enttäuschung  war für uns die Reaktion der SPD. Nach über einer Woche ohne Reaktion schickten uns die Sozialdemokraten einen Standardtext zur Bedeutung des Sports in der Gesellschaft und zur Zukunft des e-Sports, der sich inhaltlich so wenig passend zu unseren Fragen darstellte, dass er hier keine weitere Erwähnung finden soll. Eine Meinung darüber sollte sich jeder selbst bilden. Anders jedoch fielen glücklicherweise die Antworten der übrigen etablierten Parteien aus – von CDU, FDP, Linke und Bündnis 90/Die Grünen erhielten wir jeweils zeitnah zum Teil sehr detaillierte und fundierte Antworten. Die verschiedenen Positionen sollen im Folgenden nun knapp dargestellt und  verglichen werden. Unseren interaktiven „Fan-O-Mat“ findet ihr hier.

Pyrotechnik: Nur die FDP spricht sich klar für eine Legalisierung in abgegrenzten Bereichen aus, die CDU ist für mehr Sicherheit in Stadien und verweist dabei auf das strikte Verbot von Pyrotechnik.

Es ist ein Thema, das nicht nur die Gesellschaft spaltet: Pyrotechnik. Legitime optische Unterstützung des Vereins oder gefährliche Krawallmache? Auch die befragten Parteien sind sich hier uneins. Während die Grünen und die Linken eine Legalisierung zwar nicht ausschließen, aber vor allem einen konstruktiven Dialog zwischen DFB/DFL und Fanvertretern anstreben, geht die FDP einen Schritt weiter. So unterstützen die  Liberalen den sogenannten „Chemnitzer Weg“, einen Modellversuch, wonach in einem abgegrenzten Bereich des Stadions Pyrotechnik legal abgebrannt werden darf. Ganz anders die CDU: Für sie ist das Thema der Sicherheit besonders wichtig – gefährliche Gegenstände hätten in Sportstätten nichts zu suchen; wer „derart gefährliche Gegenstände in Stadien zulassen will“, unterzeichnet nach Meinung der Konservativen die “Kapitulation des Rechtstaates”.

Deutsche Fußballstadien: Ein sicherer Ort?

Einig sind sich die “kleineren” Oppositionsparteien vor allem in einem Punkt: Die Sicherheit der deutschen Stadionbesucher sieht keine dieser befragten Parteien konkret gefährdet. Populistische Forderungen nach „Nacktkontrollen“, personalisierten Tickets und den Abbau von Stehplätzen empfinden alle als wenig zielführend. Konkret werden dann vor allem die FDP und die Grünen: Während die FDP einen echten Dialog auf Augenhöhe nach dem „Hannoveraner Modell“ (Konfliktmanager der Polizei als Ansprechpartner für Gästefans) fordert, unterstreichen die Grünen ihre Forderung, dass Videoüberwachung nur in begründeten Ausnahmefällen und streng nach Regeln des Datenschutzes genehmigt werden dürfe. Auch hier schlägt die CDU einen in Teilen anderen Weg ein. Sie möchte, dass auch „Eltern weiterhin ohne Angst ihre Kinder mit ins Stadion nehmen können.“ Dies erfordere eine Verbannung von gewaltsuchenden Hooligans und „gefährlichen Gegenständen“ aus den Stadien. „Fußball-Rowdies“ sollten nach Meinung der Regierungspartei im metaphorischen Sinn bei der medizinisch-psychologischen Untersuchung vorstellig werden, anstatt „unsere Fußballstadien zu Kampfarenen zu machen.“ Auch möchte die CDU gesetzliche Voraussetzungen prüfen, um Gewalttäter für die Kosten von Polizeieinsätzen heranzuziehen.

„Hass wie noch nie“? Zum Konflikt zwischen Fanszenen und Polizei

Streit gibt es vor allem bei der Frage nach der Kennzeichnungspflicht für Polizistinnen und Polizisten. Während Linke und Grüne in diesem Punkt eindeutig eine Kennzeichnungspflicht als Teil einer dialogorientierten und rechtsstaatlich legitimierten Polizeiarbeit unterstützen und fordern, sprechen sich die FDP und die CDU gegen eine solche Pflicht aus. Die Polizei verdiene einen großen Rückhalt für ihre Arbeit, müsse sich gleichwohl aber natürlich auch an Recht und Gesetz halten. Eindeutig werden die Liberalen auch bei einem anderen Punkt – eine stetig steigende Zunahme von Fan- oder Polizeigewalt kann die Partei hier nicht erkennen.

„Kein Zwanni für’n Steher“?

Problematisch scheint für die befragten Parteien auch ein anderer Punkt: Eine mögliche Einflussnahme der Politik in die Preisgestaltung der Eintrittspreise durch die Vereine. Während die Linke die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballsports zwar kritisiert, erachtet sie eine Verpflichtung der Vereine, bspw. eine Art Fußballsozialticket anzubieten, als verfassungsrechtlich schwierig. Eine direkte Regulierung der Eintrittspreise von Seiten der Politik lehnen vor allem Grüne, CDU und FDP eindeutig ab. Die Frage, ob zwanzig Euro für einen Stehplatz noch angemessen seien, beantwortete leider keine der Parteien zufriedenstellend – die CDU sieht gerade im internationalen Vergleich der Ticketpreise aber eher keinen Handlungsbedarf.

„Fußballmafia DFB“?

Alle befragten Parteien beobachten die wachsende Konfrontation zwischen Fanszenen und DFB mit Sorge und befürworten die vom DFB vorgeschlagene „Dialogoffensive“.  Spannend dürften für Fußballfans vor allem die Meinungen der Oppositionsparteien zur sog. 50+1- Regel sein. Hier werden vor allem die Linken deutlich: Eine weitere Unterwanderung der Regel seitens des DFB lehnt die Partei ab und kritisiert in diese Richtung gehende Tendenzen. Zumindest in Teilen scheinen die Liberalen dies anders zu sehen: Sie sehen die sog. 50+1-Regel als Privatsache des Fußballs, die aber in Teilen dem Grundsatz der Vertragsfreiheit widerspreche und weiterhin „Chance und Risiko zugleich“ sei.

Einige Unterschiede, viele Gemeinsamkeiten

Unsere Befragung macht deutlich, dass Fanpolitik auch auf parlamentarischer Bühne endgültig angekommen zu sein scheint. Viele Parteien setzten sich mit Themen wie der Legalisierung von Pyrotechnik oder der Sicherheit in deutschen Stadien real auseinander. Dabei wurden einige Unterschiede deutlich, schlussendlich waren aber auch viele Gemeinsamkeiten zu erkennen. Vor allem eines scheint für alle befragten Parteien wichtig zu sein: Fortschritt und Verbesserung kann demnach nur durch einen konstruktiven, gleichberechtigten Dialog auf Augenhöhe mit allen im Fußball Beteiligten erreicht werden.

Die Antworten der Parteien im Wortlaut findet ihr hier: CDU, FDP, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke.

Oder aber jetzt den Fan-O-Mat ausprobieren.

 

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