Ikea, Elche, Wintersport – Östersunds langer und interessanter Weg hin zu einer Fußballstadt

In unserer Serie Blick über den Ostkurvenrand - Herthas Europapokalgegner im Fokus schauen wir vor jedem Europokalspiel mit besonderem Fokus auf Geschichte, Politik und Fans unserer internationalen Gegner. Am zweiten Spieltag der Gruppenphase reist Hertha zum schwedischen Klub Östersunds FK.

Norwegen oder Finnland – Hauptsache Dänemark’ mag sich so manch nicht Skandinavien-affiner Herthafan wohl gedacht haben, als das Los mit dem Namen Östersunds FK aus dem Lostopf gezogen und in die Gruppe J zu Hertha, Bilbao und Luhansk gesteckt wurde.

Nach kurzer Überlegung bzw. Onlinerecherche dann die Erkenntnis: Es geht für den Hauptstadtklub in den hohen Norden von Schweden. Schweden, das Land von Ikea, Elchen, Wintersport, vielen Seen und Wäldern mit vielen blonden Menschen - um ganz tief in die Klischee-Mottenkiste zu greifen.

Besonders hilfreich beim Vermeiden eben jener war dann auch nicht unbedingt, dass das Wappen von Östersund selbstverständlich einen weißen Elchkopf auf blauem Grund darstellt.

Wappen von Östersund (By Marmelad [CC BY-SA 2.5], via Wikimedia Commons)

Beginnen wir zunächst mit den handfesten Daten, um uns dem Verein und der Gegend anzunähern: Östersund ist geografisch ziemlich genau in der Mitte Schwedens verortet, direkt an dem See Storsjön gelegen. Es leben knapp 50.000 Menschen in Östersund, die gleichzeitig auch Residenzstadt der bevölkerungsärmsten Provinz Jämtland ist (Schweden ist derzeit in 21 Provinzen unterteilt).

Von Schwedens Hauptstadt Stockholm braucht man mit dem Auto gute sechs Stunden um zu der Stadt zu gelangen, die sich dreimal erfolglos als Kandidat für die olympischen Winterspiele beworben hatte und in der regelmäßig Biathlon-Weltcups stattfinden. Die norwegische Grenze ist von dort in westlicher Richtung innerhalb einer guten zweistündigen Fahrtzeit zu erreichen und nach ungefähr doppelt so langer Strecke erreicht man mit Trondheim die erste größere Stadt Norwegens.

Staatsoberhaupt von Schweden und damit auch von Östersund ist der König Carl XVI Gustaf, der in der parlamentarischen Demokratie des Landes allerdings nur noch repräsentativen Charakter hat. Das schwedische Parlament, der Riksdag wird wie in Deutschland alle vier Jahre gewählt. Seit 2014 bilden die Sozialdemokraten mit den Grünen zusammen eine Minderheitsregierung unter dem Ministerpräsidenten Stefan Löfven. Hierbei ist noch zu erwähnen, dass fast die Hälfte aller 24 Minister im Kabinett weiblich ist.

Besonders in den Fokus der Öffentlichkeit kamen Schweden und seine Regierung im Zuge der "Flüchtlingskrise", in der das im Vergleich zu seiner Größe bevölkerungsarme Land (knappe 10 Millionen Einwohner) prozentual sehr viele Geflüchtete aufnahm. Mångfald und Inkludering, die schwedischen Wörter für Vielfalt und Integration, waren in aller Munde. Im Laufe der Zeit kippte die positive Stimmung gegenüber den Geflüchteten aber - ähnlich zu den Ereignissen in Deutschland.

Der Mord an einer 22-jährigen Flüchtlingshelferin in Göteborg 2016 und der Terroranschlag auf ein Stockholmer Kaufhaus im April dieses Jahres mit fünf Todesopfern können dabei als Wendemarken der Stimmung in der Bevölkerung gesehen werden. Analog zum Erstarken der AfD in Deutschland kam es auch in Schweden zu rechten Strömungen in der Gesellschaft. Die rechtsextreme Schwedenpartei erlebte durch die Krisen der Flüchtlingspolitik einen Aufschwung und die Regierung knickte letztendlich unter dem Druck der Öffentlichkeit und der Presse (sowohl von links als auch von rechts) ein und verschärfte die Einwanderungsgesetze, nachdem es auch zu Übergriffen gegen Flüchtlingsheime und Geflüchtete kam, an denen sich u.a. auch Hooligans von den beiden Hauptstadtklubs AIK und Djurgården beteiligt haben sollen.

Schlagzeilen von Hooligans oder Gewalt kennt man in Verbindung mit Östersund hingegen nicht, um den Bogen von der großen Politik zurück zu Herthas Europapokal-Gegner zu spannen.

Der Verein Östersunds FK wurde erst 1996 im Zuge einer Fusion gegründet, als man eine schlagkräftige Mannschaft in der Region auf die Beine stellen wollte. Die drei Vereine Ope IF, IFK Östersund und Torvalla FF übernahmen den Startplatz von Ope IF und starteten in der Saison 1997 unter dem neuen Namen in der dritten schwedischen Liga. Nach einigen Rückschlägen inklusive Wiederabstiegen gelang schließlich 2015 der Aufstieg in die erstklassige Allsvenskan. Den größten Erfolg erreichte der Klub dann 2017, als IFK Norrköping im schwedischen Pokalfinale mit 4:1 bezwungen werden konnte.

Spätestens mit diesem Erfolg und der dazugehörigen Teilnahme an der Qualifikation für die Europa-League, in der der Verein dann durchaus prominente Gegner wie Galatasaray oder PAOK Saloniki in den abschließenden Playoffs ausschalten konnte, steht das Team mit dem englischen Trainer Graham Potter auf dem Radar des europäischen Fußballs. Den Auftakt in die Spielzeit der Europa-League konnten die Schweden dann auch überaus erfolgreich mit einem 2:0 Auswärtserfolg beim ukrainischen Vertreter Luhansk gestalten.

Die Mannschaft von Östersund ist bunt zusammengewürfelt und hat vielen Spielern, die es in anderen Vereinen nicht geschafft hatten, ein neues Zuhause gegeben. Publikumsliebling und Identifikationsfigur ist der 32-jährige Innenverteidiger Bobo Sallander der in Östersund geboren und einer von zwei Spielern des aktuellen Kaders ist, die den ganzen Weg aus der vierten Liga mitgegangen sind.

Außerhalb des Fußballplatzes machte der Klub vor allem durch seine Kulturklausel, die in jedem Profivertrag vorhanden ist, von sich Reden. Die Spieler werden dabei verpflichtet kulturelle Ereignisse wie Theaterstücke oder Musicals nicht nur zu besuchen, sondern sogar aktiv an diesen teilzunehmen. Vor fünf Jahren startete der Klub seine erste “Kulturakademie”, bei der sich die Spieler und die anderen Angestellten des Vereins mit verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern treffen und mit ihnen zusammen arbeiten. Wurde dieses Projekt anfangs noch belächelt, hat es sich mittlerweile zu einer festen und akzeptierten Größe im Verein entwickelt, an dem alle Beteiligten - Spieler wie Angestellte - mit Freude und Engagement teilnehmen. Im März 2017 erschien eine 45-minütige Doku zu dieser Art des Vereinszusammenlebens bei Östersunds - den Trailer könnt ihr ein Stück weiter oben sehen.

Wozu das Ganze? „Man soll neue Seiten in sich selbst entdecken“, sagt Wahlén [Karin Wahlén, die Kulturverantwortliche im Verein]. Über Schreiben, Malen, Singen, Tanzen bekomme man eine andere Stärke, eine größere Selbstsicherheit. Man lerne seine Mitspieler, die aus verschiedenen Ländern stammen, unterschiedliche persönliche Hintergründe und verschiedene Bildungsniveaus hätten, anders kennen. Das stärke die Gemeinschaft und schmiede das Team zusammen. Die Spieler bestätigen das. (Zitat entnommen aus der TAZ)

Aus fantechnischer Sicht stellt der Gegner eine große Unbekannte dar. Nennenswert ist hier lediglich die Supportervereinigung “Falkarna Östersund”, die auf der “Norraste Stå” (Nordseite) u.a. Choreographien organisiert und das Team unterstützt. Darüber hinaus planen sie auch Auswärtsfahrten und wollen für das Rückspiel in Berlin sogar einen Sonderzug organisieren.

Um eine Szene- oder gar Ultràgruppe handelt es sich aber nicht, da bekannte Elemente nur geringfügig vorhanden sind. Generell ist die Fangemeinde in Östersund bei Weitem nicht mit denen aus Städten wie Göteborg, Malmö oder Stockholm vergleichbar. Das heimische Stadion, die Jämtkraft-Arena ist dementsprechend mit ca. 9000 Plätzen auch eher klein gehalten. Der Gästeblock befindet sich auf der “Södra Stå” (Südseite) und umfasst im regulären Ligabetrieb ca. 840 Stehplätze.

Jämtkraft-Arena (By Aronman (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons)

Allen Auswärtsfahrerinnen und Auswärtsfahrern wünscht Hertha für Alle am Donnerstag eine gute Reise, wenn es ins Land der Elche geht, welches allerdings noch so viel mehr zu bieten hat als Ikea und Köttbullar, nämlich u.a. auch einen Klub mit einem außergewöhnlichen Kulturprogramm!

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