Luhansk’ langer Weg zum “Heimspiel”

In unserer Reihe Blick über den Ostkurvenrand - Herthas Europapokalgegner im Fokus schauen wir diesmal auf den FK Zorya Luhansk und warum dieser in der interessanten Stadt Lviv spielen muss.

Mit dem FK Zorya (auch Sorja oder Zaryja) aus dem ukrainischen Luhansk hat Hertha BSC einen, in vielerlei Hinsicht, sehr interessanten Gegner zugesprochen bekommen. Schließlich verbirgt diese Partie einige Besonderheiten, welche Hertha-Anhängern wohl zunächst nicht ganz bewusst gewesen sein werden.

Der Konflikt in der Ukraine, welcher sich in Folge der Geschehnisse auf dem Kiewer Maidan-Platz 2014 besonders in den östlichen Gebieten des Landes entwickelte, wird selbst denjenigen ein Begriff sein, die sich nicht ausgiebig mit politischen Prozessen beschäftigen. Den ganzen Ablauf dieses Konflikts zu analysieren würde den Rahmen eines solchen Artikels sprengen. Der militärische Konflikt, welcher in der Donbass-Region geführt wird, ist weit tiefgehender als eine bloße imperialistische Intervention aus der Russischen Föderation. Vielmehr ist dieser Ergebnis eines ungelösten ethnischen Konflikts, den es seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der damit einhergehenden Souveränität der ukrainischen Nation gibt. Dieser besteht zwischen ukrainischen Staatsbürgern, die sich als Russen einerseits bzw. als Ukrainer andererseits verstehen. Das äußert sich sprachlich wie auch in der unterschiedlichen Interpretation historischer Phasen, (insbesondere der Stalin-Zeit) oder in den Vorstellungen einer politischen Ausrichtung der ukrainischen Nation.

In eben jener Donbass-Region liegt die Stadt Luhansk, die mit über 414.000 Einwohnern die elftgrößte Stadt der Ukraine ist. Innerhalb des Donbass-Konflikts spielt diese Stadt, neben dem Zentrum Donezk, eine zentrale Rolle. So riefen russland-solidarische Separatisten im Jahr 2014 die „Volksrepublik Luhansk“ aus. Jene Volksrepublik (die beiden Volksrepubliken Luhansk und Donezk fusionierten wohl mittlerweile zu einer Republik „Kleinrussland“) besitzt international jedoch wenig Anerkennung durch offizielle Stellen. Die Separatisten in der Stadt Luhansk haben seit 2014 die Kontrolle über staatliche und andere öffentliche Einrichtungen und beeinflussen auch die regionale Berichterstattung. Bekanntheit errang die Stadt in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem durch den zerstörten Flughafen.

Der zerstörte Flughafen in Luhansk (By newsanna [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons)

Beim Lesen dieser Zeilen wird deutlich, dass ein Austragen von Profifußballspielen in der Region Donbass schlicht nicht möglich ist. Resultierend aus dem Krieg zogen die beiden großen Vereine der Donbass-Region, unser Gegner FK Zorya sowie der erfolgreichere und populärere FK Shakhtar aus Donezk in andere, friedlichere Teile der Ukraine, um so einen geregelten Spielbetrieb aufrecht erhalten zu können. So trägt der FK Zorya Luhansk seine Ligaspiele im südlich gelegenen Saporischschja aus, in dem ein Stadion mit einem Fassungsvermögen von 11.983 Zuschauerplätzen zur Verfügung steht. Da jenes Stadion den hohen internationalen Standards nicht gerecht wird, ist der Verein gezwungen, seine Europapokalspiele im westukrainischen Lviv (dt. Lemberg) auszutragen.

Interessanterweise haben die Fans aus Luhansk durch den Umzug ins westukrainische Lemberg einen längeren Anfahrtsweg als die aus Berlin anreisenden Herthaner. Nicht zuletzt wegen der weiten Anreise, aber auch wegen der katastrophalen Umstände die den Verein zur Zeit begleiten, ist im EM-Stadion von Lviv wohl kaum ein Hexenkessel zu erwarten. Im ersten Gruppenspiel vom FK Zorya gegen den schwedischen Vertreter aus Östersund verloren sich nur etwa 5.000 Menschen im 35.000 Zuschauer fassenden Rund.

Nur wenige Zuschauer haben sich zum ersten Gruppenspiel von Luhansk im Stadion in Lviv eingefunden.

Lemberg ist mit ca. 728.000 Einwohnern die siebtgrößte Stadt des Landes und Oberzentrum der westlichen Ukraine, wodurch die Stadt durchaus den Charakter einer Metropole besitzt. Besonders spannend und auch prägend für das Stadtbild ist die historische Entwicklung der Stadt Lemberg in den vergangenen Jahrhunderten. So war die Stadt immer wieder fester Bestandteil verschiedenster nationaler Zugehörigkeiten. Im Zuge der Teilung Polens im Jahre 1772 wurde Lemberg der Habsburger-Monarchie zugeteilt. Bereits zu diesem Zeitpunkt war das Stadtleben von verschiedenen Ethnien und Sprachen, hauptsächlich deutsch und polnisch, geprägt. Das Ende des ersten Weltkrieges, gleichbedeutend mit dem Zerfall der Monarchie, hatte auch auf Lemberg erhebliche Auswirkungen. So erlangten polnische Kämpfer im Jahre 1918 die vollständige Kontrolle weit über die Stadtgrenze hinaus. Lemberg, nun Lwów, war von dort an polnisches Territorium und ab 1921 fester Bestandteil der neugegründeten zweiten Polnischen Republik (Rzeczpospolita). Im Zuge der Westverschiebung Polens nach dem zweiten Weltkrieg wurde Lemberg Bestandteil der Ukrainischen SSR und später in die heutige Ukraine eingebunden.

Der zweite Weltkrieg traf die Lemberger Bevölkerung mit äußerster Brutalität. Die Stadt wurde 1939 zunächst von sowjetischen Truppen, zwei Jahre später dann von der Wehrmacht besetzt. Vor dem Krieg noch ein Zentrum jüdischen Lebens, führten Pogrome, die Schaffung des Ghettos Lemberg, Deportationen ins Vernichtungslager Belzec und Massentötungen zu einer nahezu vollständigen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Vielfältige Unterstützung erhielten die deutschen Besatzer dabei von ukrainischen Kollaborateuren. Diese organisierten sich beispielsweise in der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) oder der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPR). Kopf der ukrainischen Nationalisten war Stepan Bandera, der trotz seiner Mittäterschaft an diesen Verbrechen vielerorts, vor allem in der nationalistisch geprägten Westukraine, als Patriot verehrt wird. Rechte und faschistische Parteien wie beispielsweise die „Swoboda“ fahren in Lviv Rekordergebnisse ein und dominieren das politische Geschehen.

Antisemitischer Aufkleber der "Banderstadt Ultras": Die untere Aufschrift übersetzt sich zu "Anti-Jude".

Der nationalistische Gedanke zeigt sich auch beim in Lemberg ansässigen Erstligisten FK Karpaty. Dieser gehörte noch vor wenigen Jahren zu den Topklubs des Landes, dümpelt jedoch seit vier Spielzeiten aufgrund finanzieller Probleme in den unteren Tabellenregionen herum. Dies zeigt sich auch bei den Zuschauerzahlen, durch die der Verein, welcher eigentlich dauerhaft in der modernen Arena Lviv spielen sollte, immer wieder zu Umzügen in das alte Stadion gezwungen ist. Als berüchtigt im ukrainischen Fußball gelten die „Banderstadt Ultras“, welche als Hauptgruppe in der Fanszene Karpaty’s agieren. Die Symbole des Rechten Sektors, die sich teilweise an der obengenannten OUN orientieren oder in einigen Fällen klar antisemitisch sind, lassen sich auf Tifos und Aufklebern der Ultras wiederfinden. Aktuell fällt es den „Banderstadt Ultras“ allerdings schwer, viele Leute zu mobilisieren. So verirren sich bei Heimspielen meist nur ca. 200-300 Menschen in die Kurve.

Dass dies auch anders sein kann, mussten die Dortmunder 2010 bei ihrem Gastspiel in Lemberg erfahren. Diese hatten es dort den gesamten Tag mit einem Karpaty-Mob zu tun, der allein auf der Straße insgesamt gut 700 bis 800 Leute umfasste. Jene griffen auch immer wieder Borussen in der Stadt an, selbst der gesammelte Dortmunder Haufen sah an diesem Tag wenig Licht gegen die Heimseite.

Ein Mitglied der Desperados (DES’99) schilderte die Situation außerhalb des Stadions wie folgt:
„Wir kamen auf einem Vorplatz des Stadions an, der sich in einem Waldgebiet befand. Dort teilte man uns mit, dass es nur einen Eingang ins Stadion gebe und wir mitten durch die Lviv-Leute zum Stadion müssten. Also schnell die erlebnisorientierten Leute nach vorn gepackt und in der Mitte des Mobs das Material verstaut. Langsamen Schrittes ging es nun endlich Richtung Stadion. Rechts und links eine gewaltige Menschenmasse. Ich würde jede Seite auf 1.000 Mann schätzen, die uns ausbuhten und immer wieder den Hitlergruß zeigten. Es war schon ein ohrenbetäubender Lärm dieser Menschenmasse, sowas habe ich bislang auch noch nie erlebt.“
Quelle: Blickfang Ultra Ausgabe 18, November 2010

Auch wenn unser Gegner nicht Karpaty Lviv sondern Zorya Luhansk heißt, sollte für jeden Herthaner an diesem Tag durchaus Vorsicht geboten sein. Es ist nicht auszuschließen, dass sich aufgrund der Erfolglosigkeit des eigenen Vereins speziell Karpaty-Ultras auf ausländische Gäste in der Stadt freuen und ggf. Leute gegen diese mobilisieren.

Auf die Herthaner wartet somit in jedem Fall ein interessanter Aufenthalt auf und abseits des Platzes. Wir wünschen allen Auswärtsfahrern eine schöne Reise nach Lviv und hoffen, dass ein bisschen Zeit für die Erkundung dieser schönen Stadt bleibt.

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