Als Union die Freiheit und Hertha BSC grüßte – zum Tag des Mauerfalls

Als Vertreter West-Berlins kommt Hertha B.S.C. im Ost-West-Konflikt eine besondere Rolle zu. So gibt es zahlreiche Ereignisse, die mit der (Fußball-)Geschichte der DDR verknüpft sind.

Im Sommer 1949 spielte Hertha erstmals nach Jahren wieder in der höchsten Berliner Spielklasse, die sowohl Vereine aus West- als auch aus Ostberlin beherbergte. Zeitgleich beginnt in der Sowjetischen Besatzungszone die erste Saison der vom Deutschen Sportausschuss der DDR ins Leben gerufenen Oberliga. Als es im West-Berliner Fußball Bestrebungen gab, den Vertragsfußball einzuführen, verbot die Führung der am 7. Oktober 1949 gegründeten DDR den Ostberliner Vereinen die Teilnahme an der gesamtberliner Stadtliga, woraufhin Union Oberschöneweide und der VfB Pankow ab Sommer 1950 nicht mehr dort antraten.

In der DDR-Oberliga 1949/50 fühlte sich derweil die SG Dresden-Friedrichstadt von der Führung um die Meisterschaft betrogen, woraufhin elf Spieler der Mannschaft nach West-Berlin flüchteten, darunter unter anderem der spätere Bundestrainer Helmut Schön, Hans Kreische und Kurt Lehmann. Dort traten sie gemeinsam mit den ansässigen Hertha-Spielern als “Hertha BSC/DSC Berlin” an. Allerdings spielten jedoch meist die Dresdner, wodurch es Streitigkeiten gab und man bereits nach nur einer Spielzeit getrennter Wege ging. Der Sportausschuss der DDR sprach daraufhin die Strafe aus, dass kein DDR-Team mehr gegen Hertha spielen durfte. Erst im Dezember 1951 spielte Hertha mit Motor Oberschöneweide gegen einen Klub aus der DDR.

Zu dieser Zeit besaß Hertha viele Anhänger im Ostteil der Stadt, die über die Sektorengrenze zu den Heimspielen kamen. Auch einige Spieler der verschiedenen Hertha-Mannschaften mussten diese auf dem Weg zum Training und den Spielen passieren.

Als am 13. August 1961 die Mauer gebaut wurde und die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin nicht mehr ohne Weiteres passierbar war, konnten viele Fans aus dem Ostteil nicht mehr zu ihrer Hertha. Mit Klaus Taube und Wolfgang Schunack waren auch Spieler der ersten Mannschaft vom Mauerbau betroffen, die deswegen nie wieder für Hertha auflaufen konnten.

1965 absolvierten die West-Berliner dann das erste Mal nach dem Mauerbau auf dem Boden der DDR eine Partie, mussten aber beim SC Leipzig im Intertoto-Cup die Segel streichen.

Sportlich trafen Hertha und Vereine der DDR danach nur noch selten und bei Testspielen aufeinander.

Abseits des Feldes erfreute sich Hertha einiger Beliebtheit bei Fans im Ostteil der Stadt. So standen bei Herthas UEFA-Pokalspiel 1979 bei Dukla Praha nicht nur Hertha-Fans aus West-Berlin, sondern auch zahlreiche Hertha-Fans und Sympathisanten aus der DDR im Gästeblock. Dadurch kam es, dass zahlreiche Union-Fans zusammen mit Hertha-Anhängern den 2:1-Auswärtserfolg und den damit verbundenen Einzug ins Halbfinale feierten.

Der Grenzübergang Bornholmer Str. am 10.11.1989 (Bundesarchiv, Bild 183-1989-1118-028 / CC-BY-SA 3.0)

Am 09. November 1989 änderte sich für viele Menschen im Osten und Westen das Leben für immer, als Günter Schabowski, seines Zeichens Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED, die Öffnung der innerdeutschen Grenzen bekannt gab. Daraufhin nutzten viele DDR-Bürger die Gelegenheit und fuhren nach West-Berlin - die Grenzübergänge waren hoffnungslos überfüllt.

Nur zwei Tage später sollte dort in der 2. Bundesliga das Spiel der Aufstiegsaspiranten Hertha und SG Wattenscheid 09 stattfinden. Die Passanten trauten ihren Augen kaum, als sich die Karawane der Trabants und Wartburgs über Kaiserdamm und Heerstraße nach Westend zum Stadion wälzte. Für DDR-Bürger sollte es freien Eintritt geben - Herthas Verantwortliche reagierten nämlich schnell und klug in dieser Ausnahmesituation und DDR-Personalausweise wurden somit zu Eintrittskarten in die neue, aufregende  Fußballwelt. Viele machten davon Gebrauch, um Hertha und somit westdeutschen Profifußball live zu erleben. Auf der Tribüne saß übrigens auch ein gewisser Rainer Calmund, der noch eine gewichtige Rolle in dieser (Fußball)-Zeit spielen sollte - doch dazu später mehr.  

Hertha hatte, um mehr Zuschauer anzulocken, bereits vor dem Mauerfall eine große Anzahl an Tickets zum Preis von 5 Mark über diverse Autohäuser vertrieben (Stadionmagazin vom vereinseigenen Archiv zu Verfügung gestellt).

Ein Spiel, bei dem unter normalen Umständen, wie auch Calmund mit seiner ihm typischen flapsigen Art kommentierte “du jedem Zuschauer einen Schnaps spendieren konntest und mit einer Flasche auskamst”. Wegen des Mauerfalls aber und der groß angelegten Werbeaktion, die Hertha gemeinsam mit zahlreichen Autohäusern unternahm, kamen nicht nur 10.000. Viel mehr wurde es zum Zuschauermagneten.

Am Ende besuchten offiziell 44.174 Zuschauer aus Ost und West das Spiel, welches 1:1 mit einem lauthals gefeierten Treffer des Herthaners Sven Kretschmer endete. Inoffiziell ist in vielen Quellen von 60.000 Zuschauern im Olympiastadion die Rede, da am Ende die Stadiontore einfach geöffnet wurden. Viele Fans aus der DDR hatten dabei die Fan-Utensilien ihres Vereins dabei; insbesondere Anhänger des 1. FC Union Berlin waren dadurch auszumachen.

Das Spiel geriet rasch zur Nebensache und die Fans aus beiden Stadtteilen lagen sich in den Armen, feierten den Moment und sich selber.

Auch die Verantwortlichen und Spieler ließen sich von dieser bewegenden Atmosphäre mitreißen und Herthas Trainer Werner Fuchs sprach hinterher folgende Sätze in die Kameras und Mikrofone: “Die Mannschaft saß vor dem Spiel schweigend in der Kabine. Alle waren wie gelähmt vor Rührung, aber auch durch den Druck, der plötzlich auf allen lastete.”

Im Beitrag der SFB-Abendschau war das eigentliche Fußballspiel natürlich längst zur Nebensache geworden - der Videoausschnitt zeigt Fans, die wegen der lang ersehnten Maueröffnung fast weinen und die vor Freude, endlich nicht mehr den längst "miesen" FC Union sehen zu müssen, im Kreis grinsen.

Der historischen Tragweite des Spiels gegen Wattenscheid 09 konnte das Stadionmagazin erst in der darauf folgenden Ausgabe gerecht werden.

Auszug aus dem Stadionmagazin zum Spiel gegen Hessen Kassel, etwa eine Woche nach dem Mauerfall (Stadionmagazin vom vereinseigenen Archiv zu Verfügung gestellt).

Ein weiteres, hoch emotionales Freundschaftsspiel fand dann am 27. Januar 1990 gegen eben jenen DDR-Oberligisten Union Berlin statt, dessen Fans, wie oben beschrieben, schon gegen Wattenscheid das weite Rund des Olympiastadion in Scharen bevölkerten. 51.270 Zuschauer, die Tickets kosteten fünf Mark - in Ost wie West, sahen einen 2:1-Sieg der Alten Dame.

Neben Dirk Greiser steuerte auch Axel Kruse einen Treffer für Hertha bei - jener junge Spieler, der erst im Juli 1989 aus der DDR nach Westdeutschland geflüchtet war.

Trotz des Ergebnisses konnte die Verbrüderung auf den Rängen nicht aufgehalten werden und das blau-weiße Fahnenmeer wurde eins mit dem rot-weißen der Unioner aus dem Südosten der Stadt.

Die Berliner Zeitung schrieb:
“Die Wiederbegegnung von Hertha und Union nach 28 Jahren artete zur Sympathie-Werbung aus. Und nie zuvor wurde von jeder Seite ein Tor des anderen so bejubelt wie in jener Partie.”

Diese beiden sehr emotionalen Spiele konnte Hertha in einen Schub für die Liga verwandeln, beendete die Saison als Erster und stieg in die 1. Bundesliga auf.

Am 3. Oktober 1990 wurde Deutschland wiedervereinigt. Kurz darauf, am 21. November 1990, trat der Fußballverband der DDR dem gesamtdeutschen Fußballverband DFB bei.

In der Aufbruchstimmung sollte den Hertha-Verantwortlichen nun aber ein folgenschwerer, historischer Fehler passieren. Trainer Fuchs, Manager Wolter und dem Präsidenten Heinz Roloff unterlief eine gewaltige Fehleinschätzung ob der Stärke des vorhandenen Kaders. So verpassten sie die riesige Chance, die hungrigen Oststars und DDR-Nationalspieler, die beim Serienmeister BFC Dynamo spielten und allesamt gen goldenen Fußball-Westen schielten, zu verpflichten.

Und an dieser Stelle schlug die Stunde des schon erwähnten Leverkusener Managers, der natürlich nicht nur aus Spaß an der Freude beim Spiel gegen Wattenscheid im Stadion zugegen war. Er nutzte die Gunst des Augenblicks und des lähmenden Freudentaumels der Maueröffnung, um die besten DDR-Kicker zum Bayer-Kreuz an den Rhein zu locken. Durch List - offizielle Verhandlungen waren in der noch existierenden DDR strikt verboten, Geschick und viel Geld (der Legende nach transportiert in Koffern) gelang es Calmund, drei der besten DDR Kicker zu verpflichten: den Berliner BFC-Spieler Andreas Thom - den Calmund mit Blumen für die Frau und Spielsachen für die Tochter bezirzte, sowie die beiden besten Spieler von Dynamo Dresden, Matthias Sammer und Ulf Kirsten. Dass letztendlich nur zwei von ihnen dann für Leverkusen aufliefen, lag einzig und allein an der Intervention von Kanzler Helmut Kohl, der sich bei der Bayer AG beschwerte und laut Calmund wörtlich gesagt haben soll, dass sie die “DDR nicht einfach leerkaufen” könnten.

So ging Hertha dann bei den Stars aus dem Osten gänzlich leer aus. Und trotz der vollmundig- optimistischen Worte von Trainer Fuchs, der ein rosiges Zukunftsbild entwarf und sagte, ”Wir wollen kein Komet sein, der so schnell wie er auftaucht, auch wieder von der Bildfläche verschwindet”, stieg die Mannschaft am Ende der Katastrophen-Saison 1990/91, mit vier verschlissenen Trainern, als abgeschlagener Letzter in die 2. Bundesliga ab.

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