Rückblick auf das Pogromnacht-Gedenken am 09. November 2017

Wichtige Gedenktage gibt es über das ganze Jahr hinweg. Ob der 27. Januar 1945, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die sowjetische Armee, der 8. Mai 1945, dem Tag der Befreiung vom nationalsozialistischen, deutschen Terrorregime oder der 1. September 1939, dem Beginn des 2. Weltkriegs durch den Überfall Nazideutschlands auf Polen. Der 9. November 1938 steht dabei ganz besonders für die Schuld des gesamten deutschen Volkes an der Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Bürgerinnen und Bürger. Wenige Menschen stellten sich an die Seite der Ausgegrenzten, Geschlagenen und Vertriebenen. Der 9. November – das muss immer wieder klar gesagt werden – war das deutsche „Ja“ zum späteren Holocaust.

Alle luden Schuld auf sich, auch die christlichen Kirchen. Insofern ist es nicht unerheblich, dass die gastgebenden Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen heute Abend diesen Teil der Schuld nicht verschwiegen. Im Gegenteil, gerade die Sophienkirche in Berlin-Mitte ist seit vielen Jahren ein Ort des Gedenkens. Dazu passt es auch, dass hier heute eine Fotoinstallation des Künstlers Luigi Toscano mit dem Titel „Gegen das Vergessen“ eröffnet wurde. Die Fotos zeigen Shoa-Überlebende aus Deutschland, Israel, USA, Ukraine und Russland. Letzte Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des Unfassbaren. Pfarrer Helmut Ruppel – der heutige Redner – formulierte es passend: Die sogenannte „Reichspogromnacht“ ist mit 79 Jahren inzwischen ein „ganzes Menschenleben“ her. „Warum sollen wir trauern?“ lautete die Überschrift zu seiner Rede. Warum sollen wir gedenken? Warum sollen wir Verantwortung übernehmen? Was geht uns Israel an? Mit kritischen Worten warb Ruppel für ein Festhalten am Gedenken, auch wenn es keine Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mehr gibt. Die unerträgliche Kritik des grassierenden Rechtspopulismus, gerade der AfD, an  der „deutschen Gedenkkultur“ zeigt mehr als deutlich, was Gedenken heute bedeutet. Denn das Gedenken findet in einer sich wandelnden Welt statt. Pogromgedenken war und ist immer wichtig, doch wie hat sich „unsere Welt“ allein in den letzten Jahren verändert? Was Ruppel mit deutlichen Worten artikulierte, stellten Jugendliche in einer szenischen Lesung dar. Ihre Fragen, Gedanken und Zugänge zum Thema – anhand einer eigenen Darstellung des Mahnmals in der Großen Hamburger Straße –  waren beeindruckend. Sie zeigen, dass ein Weiterleben des Gedenkens, Warnens und Mahnens möglich ist. Insgesamt waren dennoch ältere Mitmenschen in der Mehrzahl unter den Gedenkenden.

Die mit Musik untermalte Gedenkstunde mündete nach einer Stunde in einen „stillen Gedenkweg“. Schweigend gingen ein paar Hundert Teilnehmende durch den Kiez bis zur Synagoge in der Oranienburgerstraße und schließlich zum Mahnmal in der Großen Hamburger Straße. Dieser Teil des Gedenkens ist besonders wichtig, denn hier wird die Mahnung sichtbar nach draußen getragen. Schweigend durch das Herz Berlins zu laufen, während die Menschen sich links und rechts der Straßen vergnügen, lachen und feiern, ist ein merkwürdiges Gefühl. Müssten nicht alle auf die Straße kommen und dem Gedenkbanner folgen? Wie wäre es, wenn nächstes Jahr zum 80. Jahrestag der Pogromnacht statt ein paar Hundert in Mitte, Tausende in Berlin schweigend der Opfer gedächten? Positiv zu erwähnen ist, dass auch heute wieder mitdenkende Menschen in Berlin unterwegs waren, die Stolpersteine putzten, Blumen und Kerzen niederlegten. Kleine, aber eindrucksvolle Zeichen, dass die Nacht vom 9./10. November 1938 nicht vergessen ist. Am Mahnmal vor dem jüdischen Friedhof in der Großen Hamburger Straße endete der Gedenkweg und es wurden Kerzen entzündet und Steine abgelegt. An dieser Stelle stand bis 1943 ein Altersheim, das von der Gestapo als Sammellager benutzt wurde. Von hier aus wurden zehntausende jüdische Bürgerinnen und Bürger in die Konzentrationslager Auschwitz und Theresienstadt verschleppt. Ein Ort des Schweigens und Gedenkens. Mitten in Berlin.

Im Anschluss teilte sich unsere immerhin achtzehnköpfige Gruppe auf. Ein Teil fuhr nach Hause, der andere besuchte noch eine Kneipe um etwas über die Eindrücke des Abends zu sprechen.

Hertha für Alle

…außer für Antisemiten!

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*