Schlagstöcke, Prügel und Repressalien – das schwierige Verhältnis zwischen Ultras und Guardia Civil

In unserer Serie Blick über den Ostkurvenrand – Herthas Europapokalgegner im Fokus schauen wir vor jedem Europa-League-Spiel mit besonderem Fokus auf Geschichte, Politik und Fans unserer internationalen Gegner. Diesen Donnerstag steht mit dem Spiel in Bilbao das vorerst letzte Auswärtsspiel für unsere Hertha in der Gruppe J an. Zeit also, um noch einmal nach Spanien zu schauen und das schwierige Verhältnis der dortigen Polizei zu den Ultras zu betrachten.

Am 5. April 2012 wurde nach dem Europapokalspiel Athletic Bilbao gegen Schalke 04 ein junger Athletic-Fan von einer Gummikugel eines Polizisten am Kopf getroffen. Er fiel mit schweren Schädelverletzungen ins Koma, aus dem er nicht mehr erwachte. Der Tod des 28-jährigen Iñigo Cabacas führte zu Protesten und Solidaritätsbekundungen in Bilbao, Spanien und Europa. Im Stadion und auf Demonstrationen wurde Gerechtigkeit für Iñigo und damit eine juristische Aufarbeitung der Geschehnisse vom Abend des 5. April gefordert. Die Sondereinheit der baskischen Autonomie-Polizei Ertzaintza hatte aus kurzer Distanz mehrere Gummigeschosse auf eine Gruppe von Athletic-Fans abgefeuert, die in einer Sackgasse standen und sich der Situation deshalb nicht entziehen konnten. Nicht auszuschließen ist, dass es noch weitere Opfer hätte geben können. Am 3. April 2017 wurden drei Beamte der Ertzaintza wegen “Totschlags aufgrund grober beruflicher Fahrlässigkeit” angeklagt und die baskische Regierung als “zivilrechtlich haftender Subsidiär” bezeichnet. Den Angeklagten drohen bis zu neun Jahre Haft.

Gedenkdemonstration für Cabacas. [Quelle: bask-info]

Die folgenden Geschehnisse reihten sich in eine lange Liste von Polizeigewalt gegen Fußballfans und Ultras in Spanien ein. Davon sind immer wieder europäische Fanszenen betroffen, die ihre Mannschaft im Europapokal auswärts unterstützen. 2006 wurde ein Eintracht-Frankfurt-Fan beim Auswärtsspiel in Vigo unter fadenscheinigen Gründen von der Guardia Civil festgenommen und musste über einen Monat in einem spanischen Gefängnis ausharren, das er nur durch nach Zahlung einer hohen Kaution und Abgabe eines schriftlichen Geständnisses verlassen konnte.

Als es im Vorfeld des Europapokalspiels zwischen Celta Vigo und Eintracht Frankfurt zu Ausschreitungen zwischen der spanischen Polizei und Eintracht-Fans kommt, ist der 42-Jährige in vorderster Front mit dabei. Einige Fans kicken auf der belebten Plaza de la Constitución mit einem Fußball. Die spanische Polizei will das unterbinden. Als ein Fan sich den Ball aus einem Brunnen angeln will, kassiert er dafür mehrere Schläge mit einem Schlagstock aus Holz. Heigl baut sich vor dem Beamten auf. Dafür kassiert auch er mehrere Stockhiebe. Folge ist eine stark blutende Risswunde am linken Ohr. Daraufhin werfen aufgebrachte Fans mit Flaschen, Gläsern und massiven Stühlen nach den Polizisten. Spätere Recherchen ergeben folgendes Bild: Einer der Beamten wird von einem Stuhl getroffen und trägt eine Platzwunde am Kopf davon. Heigl sagt, er habe keinen der Stühle geworfen. Das beteuert er, das bestätigen drei Zeugen - darunter auch der offizielle Fanbeauftragte der Eintracht, Andreas Hornung.
(Frankfurter Rundschau, 25.06.2007)

Polizeieinsatz gegen BVB-Fans in Sevilla. [Quelle: schwatzgelb.de]

Beim Spiel von Borussia Dortmund 2010 in Sevilla kam es bereits auf dem Marsch zum Stadion zu Übergriffen durch die Polizei, die sich im Stadion fortsetzten. Nach dem Spiel wurden 15 Dortmund-Fans unter teilweise unwürdigen Haftbedingungen in Gewahrsam genommen. In einem in Spanien üblichen innerhalb von 24 Stunden zu erfolgenden Schnellverfahren wurden sie von einem Richter verurteilt, wobei ihnen kein Dolmetscher zur Verfügung gestellt wurde und sie trotzdem spanische oder sogar Blanko-Urteile unterschreiben mussten.

Auch der SC Freiburg und seine Anhänger bekamen 2013 die “Gastfreundschaft” der spanischen Polizei in Sevilla am eigenen Leib zu spüren. So ging diese dort in einem leeren Stadion mit Knüppeln gegen den noch gefüllten und singenden Gästeblock vor, der sich ansonsten keinerlei Verfehlungen geleistet hatte, die solche Maßnahmen gerechtfertigt hätten.

Diese Vorfälle sind zwar schon einige Zeit her, jedoch hat es auch in diesem Jahr in Madrid Vorfälle von Polizeigewalt gegeben. Bei Europapokalspielen von Atletico und Real wurden Fans von Bayern München und Leicester City Opfer von Polizeieinsätzen. Immer wieder liest man in solchen Zusammenhängen von dem besonders brutalen Vorgehen der Polizeikräfte, die beispielsweise in einem Auswärtsblock auf alle Fans einschlagen, obwohl diese abwehrend die Hände heben und eine passive Haltung einnehmen.

Polizeieinsatz gegen Bayernfans im Stadio Bernabeu. [Quelle: imago]
Polizeieinsatz gegen Leicester-Fans in Madrid. [Quelle: Belfast Telegraph]

Die spanische Politik und Justiz scheinen indes nicht daran interessiert, solche Vorfälle aufzuarbeiten. Statt gegen die Polizeigewalt vorzugehen, wird ein Vorfall aus dem Jahre 2014 politisch genutzt, um gegen die spanische Ultrakultur vorzugehen. Am 30. November 2014 starb ein Mitglied der antifaschistischen Ultras von Deportivo La Coruna bei einer Auseinandersetzung mit rechten Ultras von Atletico Madrid. Rechtsradikale Fan- und Ultragruppen sind in Spanien keine Seltenheit und waren in der Vergangenheit immer wieder in Gewalttaten verwickelt.

Spaniens Sportbehörde CSD (Consejo Superior de Deportes) wollte im Nachgang der Ereignisse allerdings gegen die gesamte spanische Ultrakultur vorgehen und entwickelte einen weitgehenden Maßnahmenkatalog, der u. a. Punktabzüge für Vereine mit straffällig gewordenen Fans vorsieht. Auch sollte ein Sicherheitsbeauftragter in den Stadien die Möglichkeit erhalten, Fingerabdrücke von Fans aufnehmen zu können. Ein Großteil der spanischen Ultragruppen sollte zusätzlich für dauerhaft mit Stadionverboten belegt werden.

Einen Eindruck davon bekamen die Ultras Rapid, die ihre Fahne beim Spiel in Valencia nicht mit ins Stadion nehmen durften, da auf ihr das Wort „Ultra“ stand. Diese Regelung galt eigentlich hauptsächlich der rechten Gruppe Ultra Yomus von Valencia, wurde aber von der Polizei einfach auf die Ultras Rapid übertragen, die sich daraufhin entschlossen, nicht ins Stadion zu gehen. So zeigt sich, dass die Maßnahmen gegen die Ultras in Spanien, die auf Überwachung und Repression abzielen, auch auswärtige Fans treffen können und man letztlich nur der Polizei weitere Befugnisse an die Hand gibt, um noch repressiver vorgehen zu können.

Antwort der Wiener auf die Geschehnisse im Hinspiel. [Quelle: GEPA pictures/ Christian Ort]

Ein in diesem Zusammenhang oft genutztes Argument besagt, dass in Spanien die Auswärtsfahrer so gering vertreten sind und die Polizei bei Europapokalspielen mit den vielen Auswärtsfans schlicht überfordert ist. Auch wenn die erste Annahme vielleicht noch stimmen mag, so muss der zweiten entschieden widersprochen werden, denn Polizeigewalt hat in ganz Spanien Kontinuität und System.

Kommen wir wieder zum Fall Iñigo Cabacas zurück. Es überrascht nicht, dass von Beginn an ein breites Bündnis von politischen Gruppen und Parteien zusammen mit Fußballfans für Iñigo Cabacas demonstriert hat. Polizeigewalt ist in Spanien bekannt und hat unlängst bei den Wahlen und Protesten für die Unabhängigkeit Kataloniens wieder für mediales Aufsehen gesorgt. Verantwortlich für die Gewalteskalation war die Guardia Civil, eine Polizeieinheit, die militärische und zivile Aufgaben ausführen kann. Nicht erst seit den jüngsten Vorfällen fühlen sich Betroffene an die Zeit der Franco-Diktatur erinnert, in der die Guardia Civil hauptsächlich zur Verfolgung von politischen Gegnern eingesetzt wurde. In Folge der schleppenden Aufarbeitung der Verbrechen konnten frühere Täter lange den Geist dieser Jahre weitergeben, der auch heute noch spürbar scheint.

“Es hätte jeden treffen können” und “die Polizeigewalt übersteigt jedes Limit. In Europa verhält sich die Polizei zurückhaltend gegenüber den Fans, hier provozieren sie Konflikte. [...] zu Hause schlagen sie auf uns ein, bei Spielen, beim Generalstreik und bei Arbeitskonflikten.”
(Aus Veröffentlichungen zur Gedenkveranstaltung Cabacas')

Ob in Katalonien, im Baskenland oder anderen Teilen von Spanien: Die Vorwürfe sind oft dieselben. Immer wieder ist im Rahmen von Demonstrationen vom exzessiven Gebrauch von Gewalt durch die Polizei zu lesen. Die Ereignisse gleichen den Erfahrungen von deutschen Fußballfans, die beispielsweise auch schon massiven Schlagstockeinsatz gegen passive oder friedliche Personen erlebt haben. Auch Gummi-Munition wurde auch nach dem Tode von Iñigo Cabacas weiter rigoros eingesetzt und verletzte viele Menschen schwer.

Es bleibt festzuhalten, dass die spanische Polizei ein sehr schwieriges Verhältnis zu den Ultras hat, was gerade die Erfahrungen deutscher Szenen widerspiegelt und auch Herthanern im Gedächtnis bleiben sollte, die in dieser Woche in Bilbao unterwegs sind. Es würde allerdings zu kurz greifen, das Problem nur an an der Schnittstelle Polizei – Fußballfans auszumachen. Fußball ist nur ein Teilbereich, in dem Polizeigewalt sichtbar werden kann, aber eben nicht darauf beschränkt.

Wir wünschen allen Herthanerinnen und Herthanern einen schönen Aufenthalt im Baskenland. Passt gegenseitig auf euch auf und denkt an die härtere Gangart der hiesigen Polizei!

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