Aller Anfang ist spannend und steinig- der Jahresrückblick von Hertha für Alle

Ein Jahresrückblick im Februar? Klar, das aktuelle Jahr ist noch gar nicht lang genug, um darauf zurückblicken zu können - und das letzte Jahr doch eigentlich schon wieder viel zu lange her. Aber was kümmern uns solche Konventionen, wenn zum Beispiel Günther Jauch seinen Rückblick schon Ende November macht? Eben. Gerade weil es das erste Jahr von Hertha für Alle in der Hertha-Öffentlichkeit war, lohnt ein Rückblick und viel mehr noch ein Ausblick auf die kommenden Monate dennoch.

Die Idee zur Gründung einer Initiative wie Hertha für Alle entstand bereits während die sogenannte Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt fand: Im Herbst 2015 suchten zehntausende Menschen Schutz vor Krieg und Hunger in Europa und lösten dabei auch in Deutschland große Solidarität aus. Wo Behörden anfangs noch überfordert waren, sammelten Bürgerinnen und Bürger längst Kleidung und alles Notwendige zum Leben, um den Schutz suchenden Menschen zu helfen. Sie organisierten Sprachkurse, gemeinsame Behördengänge und luden ein, um einen offenen Austausch und ein offenes Miteinander zu ermöglichen. Auch Fans von Hertha B.S.C. wollten helfen: Sie schufen Kontakte zu unterschiedlichen Erstaufnahmeeinrichtungen und luden Geflüchtete u.a. zu einem Fußballspiel samt Grillfest ein.

So groß die Solidarität und Hilfsbereitschaft innerhalb der Bevölkerung auch war, so sehr offenbarte die Flüchtlingskrise auch, dass viele Menschen in Deutschland, von Missgunst und Hass abgesehen, wenig empfinden können. Das Erstarken rechtspopulistischer Parteien, die unzähligen Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und das elende Geseier von "Umvolkung" und Co. zeigen, dass unsere Gesellschaft einen Ruck nach Rechts erfahren hat - ein Ruck, mit dem wir uns nicht einverstanden erklären und dem durch eine starke Zivilgesellschaft entgegen getreten werden muss. Auch im Stadion bei Hertha B.S.C., in dem sich der viel zitierte "Querschnitt der Gesellschaft" wiederfindet, ist diese politische Umorientierung spürbar.

So entstand erneut der Wunsch, gemeinsam Kräfte gegen ein Erstarken menschenverachtender und diskriminierender Positionen zu bündeln und aktiv gegen jede Form der Ausgrenzung im Kontext von Hertha B.S.C. vorzugehen: Hertha für Alle wurde gegründet. Unter dem Motto "Die einzigen Farben, die im Stadion zählen, sind die deines Vereins" versuchen wir, Vorurteile, Rassismus und Diskriminierung abzubauen.

Mit unserer ersten Veranstaltung "Flucht und Fußball zum Abbau von Vorurteilen, Perspektiven bei Flucht, wie kann Fußball helfen" am 16.05.2017, versuchten wir anhand verschiedener Fragestellungen und interessanten Podiumsgästen heraus zu finden, wie Fußball Geflüchteten, aber auch uns helfen kann. Eingeladen hatten wir Antje Boehme, Venant Chuani Tcheumani, Carolin Gaffron, Christian Andrés González und Khalid Sharo. Somit bestand das Podium aus vielen verschiedenen Perspektiven - von Helferin, über Filmemacherin und Geflüchteten, die aktiv Fußball spielen oder, die wie wir, Teil der Ostkurve sind. Zu dieser Veranstaltung kamen über 50 interessierte Gäste, um sich mit der integrativen Kraft des Fußballs im Bezug auf Flucht auseinanderzusetzen.

Während der Podiumsdiskussion konnten wir die zwei Kurzfilme aus dem Projekt "Refugees 11 online" sehen, in dem unter anderem Vedad Ibisevic auf einen geflüchteten Fußballer trifft: Beide tauschen sich dort über Chancen im Alltag aus. Ebenfalls erfuhren wir, wie sich das Fan-Leben in Kamerun von dem im Olympiastadion unterscheidet und wieso Fußball wichtig ist, um das eigene Erlebte zu verarbeiten bzw. die Kraft hat, für wenige Stunden Geschehnisse auszublenden.

Zudem konnten wir durch unsere Gäste die Sicht der aktiven Fußballer näher kennen lernen: Ein Trainer und ein Spieler von "Willkommen im Fußball" brachten uns näher, wie die Geflüchteten mit Fußballspielen Ihre Lebensfreude wieder gewinnen, die Flucht überwinden und so auch ein neues Leben aufbauen können.

Neben den positiven Effekten durch den Fußball blieb nicht unerwähnt, dass durch den fehlenden Kontakt zur Familie, wenn diese nicht nach Deutschland nachgeholt werden kann, das Leben vieler Geflüchteter dennoch schwierig bleibt. Die abschließende Frage-Antwort-Runde mit dem Publikum deckte alle Facetten wie Familie, Rassismus (im Stadion und auf dem Feld) und natürlich Fußball ab. Im Zuge dieser Veranstaltung kamen wir auch mit anderen Projekten aus Berlin und Brandenburg in Kontakt und konnten in Folge dessen selbst an Turnieren teilnehmen. In Erinnerung blieb so insbesondere das Finale des CampCups Brandenburg im Oktober in Babelsberg, bei dem eine Delegation von Hertha für Alle in den sportlichen Wettstreit mit Geflüchteten aus Erstaufnahmeeinrichtungen in ganz Brandenburg trat. Auch wenn die Equipe von HfA spielerisch nur selten zu überzeugen wusste, bleibt ein sonniger Tag mit vielen netten Menschen in Erinnerung.

Gerade aus rechten Gefilden wird unsere Arbeit gerne mit dem Schein-Argument "Fußball ist Fußball, Politik ist Politik, das hat miteinander nichts zu tun" torpediert. Dass das genaue Gegenteil der Fall ist, kann schon an wenigen Beispielen festgemacht werden: So haben wir unter anderem in unserer Reihe über Herthas Europapokalgegner gezeigt, wie sehr gesellschaftspolitische und auch weltpolitische Einflüsse im Fußball spürbar sind - warum Hertha BSC beim Gastspiel in der Ukraine nicht in Luhansk sondern in Lviv spielte und welche Rolle die baskische Identität für die Spieler und Fans von Bilbao hat, sind da nur einige Beispiele. Aber nicht nur im Ausland, auch hierzulande beschäftigen Fragen zur Sicherheits- und Preispolitik die Fans und natürlich auch die Parteien, wie unser Fan-O-Mat zur Bundestagswahl 2017 gezeigt hat.

Als eines der Highlights des vergangenen Jahres, lud Hertha für Alle im Winter unter dem Titel "Nachts im Museum" zu einer gemeinsamen Führung durch das Stadtmuseum Berlin im Ephraim Palais ein. Unter dem Titel "Hauptstadtfußball: 125 Jahre Hertha BSC & Lokalrivalen" war dort von Juli 2017 bis Januar 2018 eine Ausstellung zu der Geschichte unserer Hertha zu bewundern. Nachdem die Tore des Museums für die offiziellen Besucherinnen und Besucher schlossen, bekamen ungefähr 50 Herthanerinnen und Herthaner die einmalige Gelegenheit, die Ausstellung abends für sich allein unter der Leitung zweier erfahrener Ausstellungsbegleiter und Herthafans zu besichtigen. Als besondere Überraschung lud Manne, einer der beiden Guides und insbesondere bekannt vom Hertha-Echo, Hertha-Legende Calli Rühl zur großen Freude der Anwesenden auf einen Plausch ein. Rühl erzählte zu Beginn viel "von damals" und hatte einige nette Anekdoten im Gepäck. Eine einmalige Chance für alle Herthanerinnen und Herthaner, die so schnell bestimmt niemand mehr vergessen wird. Auch die Ausstellung an sich wusste zu überzeugen: 125 Jahre Hertha. Das sind auch 125 Jahre Fußball in der Hauptstadt, in verschiedensten Stadien, Kontexten und politischen Systemen. In eindrucksvoller Weise zeigte die Ausstellung, wie politisch Fußball und wie politisch unsere Hertha immer schon war. In einer geschichtsträchtigen Stadt wie Berlin, die die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten und eine Teilung durch eine Mauer miterlebt hat, geht dieser Kontext auch am Fußball nicht vorbei. Fußball war politisch, ist politisch und wird immer politisch sein. Die Ausstellung "Hauptstadtfußball" zeigte dies in anschaulicher Art und Weise.

Auch aktuell werfen der Fußball und seine Fans immer wieder gesellschaftspolitische Fragen auf: Keine andere Sportart in Deutschland steht derart im Fokus der Medien. Und innerhalb dieses Fokus bewegen sich nicht nur Trainer, Spieler und Manager, sondern auch die aktiv gelebte Fankultur, die diesen Sport ebenfalls einzigartig macht. Entsprechend groß ist das mediale Echo, wenn sich die oft als "sogenannte Fans" bezeichneten Anhänger "mal wieder einen Fehltritt" erlauben. Dazu gehören laut Auffassung der Medien das Abbrennen von Pyrotechnik genauso, wie das Präsentieren geschmackloser Spruchbänder. Aber was bedeutet eigentlich geschmacklos?

"Wo liegen die Grenzen des guten Geschmacks?" wollten wir deshalb von euch innerhalb einer Veranstaltung zum Thema Spruchbänder und durch eine Online-Umfrage wissen.

Für die Umfrage wurden jedem Interessierten dreizehn Spruchbänder gezeigt, die in der Vergangenheit in den Medien Anstoß zur Kritik gaben. Auf einer Skala von 1 bis 10 sollte über deren "Grenzüberschreitung" geurteilt werden. Mit 1 bewertete Spruchbänder gelten als harmlos, Spruchbänder mit dem Wert 10 als ekelhaft und abstoßend, wobei die magische Grenze dessen, was "zu viel" fürs Stadion ist, zwischen 5 und 6 lag. Über 1.100 Leute gaben dabei ihre Stimme ab und nur wenige Datensätze mussten aufgrund mangelnder Ernsthaftigkeit bei der Bewertung entfernt werden. Die Auswertung hat gezeigt, dass vor allem Spruchbänder mit klar rechten oder nationalsozialistischen Inhalten von den Allermeisten abgelehnt werden. In der Rangfolge der Grenzüberschreitungen folgen Spruchbänder, die persönlich beleidigen noch knapp vor Plakaten, die eine sexistische Beleidigung beinhalten. Gleichzeitig offenbarte die Umfrage einige Probleme vieler Fanszenen: Eine differenzierte Auseinandersetzung fällt schwer. Mit Blick auf einzelne Umfrageergebnisse lässt sich oftmals eine politische Grundhaltung oder sogar eine Vereinszugehörigkeit entdecken, wenn entsprechend gruppierte Spruchbänder von der gleichen Person mit den Extremwerten 1 und 10 bewertet werden.

Besonders deutlich wird diese fehlende Differenzierung mit Blick auf die zusammengefassten Ergebnisse für die einzelnen Spruchbänder. Unabhängig von der Art der Kritik, die an den Spruchbändern geäußert wurde, also ob es  rassistisch, sexistisch, homophob etc. sei, wurden die Extremwerte 1 und 10 immer am häufigsten gewählt. Für viele gilt eben doch "Fußball darf alles" oder, im Sinne der medialen Kritik an den von uns ausgewählten Spruchbändern, "Alle Spruchbänder sind weit jenseits der Grenze des guten Geschmacks". Lässt man die Extremwerte raus und blickt entlang der magischen Grenze zwischen 5 und 6 fällt auf: Während die persönliche Beleidigung Assauers (mit Bezug auf seine Alzheimer-Krankheit) eher als Grenzüberschreitung gewertet wird, ist die Beleidigung Rangnicks mit Bezug auf seine Burnout-Erkrankung "gerade noch im Rahmen". Ob das an der weniger starken Wahrnehmung des Burnouts als Krankheit oder aber daran liegt, dass das Spruchband zu Rangnick von Hertha kam und die Umfrage naturgemäß viele Hertha-Fans gemacht haben? Wir wissen es nicht.

Die Veranstaltung zur Spruchband-Debatte bezog sich weniger auf die Inhalte der Umfrage: Im Kreis der Anwesenden wurden erneut Stimmungsbilder zu anderen Plakaten eingeholt, um dann darüber zu diskutieren, ob und aus welchen Gründen eigentliche eine Grenzüberschreitung stattgefunden haben könnte. Besonders überraschend für die meisten Gäste war dabei die schwierige rechtliche Lage zur Bewertung, ab wann ein Spruchband eigentlich auch den rechtlichen Tatbestand einer Beleidigung erfüllt. Die facettenreiche Diskussion zu Parallelen zum Battle-Rap und den Freiheiten des Fußballs waren für fast alle Besucher aufschlussreich.

So schön das Jahr 2017 für uns als Initiative auch war und so aktiv wir dieses gestalten konnten, so blieben auch unschöne Szenen unserer noch jungen Initiative nicht erspart. Im Heimspiel gegen Hannover 96 wurde unsere Zaunfahne, die die Existenz unserer Gruppe im Stadion verdeutlichen sollte, von Unbekannten entwendet. Bis heute wissen wir nicht, wer Hertha für Alle durch den Fahnenklau angreifen wollte und aus welchen Beweggründen dies geschah.

Eines jedoch bleibt klar: Hertha für Alle lässt sich den Mund nicht verbieten. Ein Fahnenverlust ist bitter, zeigt allerdings auch die besondere Notwendigkeit unserer Antidiskriminierungsarbeit. Wenn jemand - ganz gleich ob intern oder extern - von unserem Banner und unserer Arbeit so genervt ist, dass er dieses entfernt, legen wir den Finger allem Anschein nach genau in die richtige Wunde. Wir werden weitermachen, weiter für unsere Werte streiten und unser Ziel, Hertha für Alle zugänglich zu machen, nicht aufgeben. Wer glaubt, unsere Arbeit durch einen Fahnenklau zunichte zu machen, hat unser Anliegen schlichtweg nicht verstanden.

Insofern gilt es weiterzumachen - und das Jahr 2018 bietet schon allein wegen der anstehenden Weltmeisterschaft in Russland viele spannende Themen.

Wie steht es um das Gastgeberland in Bezug auf Rassismus und Homophobie und welche Parallelen gibt es zu deutschen Stadien? Aber nicht nur die WM in Russland wird ein Thema sein: Die Thematik der Inklusion ist mittlerweile Teil einer wichtigen gesellschaftlichen Debatte, der wir uns anschließen wollen. Unter anderem wird uns beschäftigen, wie Sehbehinderte oder Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer das Erlebnis Fußball im Stadion verfolgen und wie ihnen dabei geholfen werden kann.

Im Rahmen der andauernden Diskussionen über den Umgang des NOFV mit dem "Skandal-Spiel" von Babelsberg gegen Cottbus sind aber natürlich auch Themen wie Rassismus und Antisemitismus weiterhin präsent: Einige Hertha-für-Alle-Mitglieder begleiten das Projekt um die Geschichte von Eliasz Kaszke und natürlich stehen in Zeiten eines Erstarken von antisemitischen Gedanken das Pogromgedenken und das Gedenken an Hermann Horwitz, dessen Deportation sich 2018 zum 75. Mal jährt, im Fokus. Mit Blick auf den vorhandenen Rassismus in deutschen Stadien lohnt jedoch auch ein Blick auf die vielfältige Vereinslandschaft. Insbesondere in Berlin gibt es spannende Fußball-Vereine ganz unterschiedlicher Art und Herkunft - euch erwartet eine neue spannende Serie.

Genauso interessant wie die Geschichte von Horwitz ist aber auch die der ersten Frauenmannschaft bei Hertha. Frauen haben bei Hertha aber nicht nur Fußball gespielt, sondern standen damals wie heute auch in den Fankurven. Ihr Anteil ist dabei erschreckend gering -daher wollen wir untersuchen, wie groß das Problem des Sexismus bei Hertha ist.

Wie Ihr lest, haben wir viel vor, freuen uns auf eine gute Rückrunde der Hertha, sowie ein insgesamt gutes Jahr und hoffen, dass ihr unseren Weg als Initiative weiter verfolgt und begleitet!

Rdm/CM/Fh

 




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