Fußball als Abbild der Gesellschaft – Kein Fußbreit der AfD? Eine Pro- und Contra-Debatte über die Sinnhaftigkeit von Vereinsausschlüssen für AfD-Mitglieder

Kaum ein Thema beherrscht den (fußball-) politischen Diskurs dieser Tage so intensiv und medienwirksam, wie die Äußerung des Präsidenten von Eintracht Frankfurt, Peter Fischer. Er hat in einem Interview mit der FAZ gesagt, dass eine Mitgliedschaft bei Eintracht Frankfurt seiner Meinung nach mit einer Mitgliedschaft bei der Alternative für Deutschland (AfD) beziehungsweise dem Wählen dieser politischen Partei nicht vereinbar sei.

Frankfurts Präsident Peter Fischer [Quelle: sge4ever.de]

“Ich werde auf der Mitgliederversammlung eine deutliche Position beziehen, dass es sich mit unserer Satzung nicht verträgt, AfD zu wählen. Es kann niemand bei uns Mitglied sein, der diese Partei wählt, in der es rassistische und menschenverachtende Tendenzen gibt.”

Quelle: Interview mit der FAZ vom 28.12.2017 - http://bit.ly/2si1cX1

 

Der Vorstoß Fischers entfacht in diesem Sinne eine Diskussion über Sinn- und Unsinn politischer Äußerungen durch Fußballvereine sowie den richtigen Umgang mit der AfD.

Dieser Diskussion wollen wir uns als Hertha für Alle anschließen und im folgenden sowohl Argumente sammeln, die Fischers Vorstoß befürworten, als auch solche, die dem Unterfangen des Eintracht-Präsidenten kritisch gegenüber stehen. Dafür haben wir unsere aktiven Mitglieder gebeten, explizit nur Pro oder Contra Fischers Vorstoß zu argumentieren.

 Pro

Eines sei gleich zu Beginn richtigzustellen: Entgegen der - wie üblich - hysterischen und zumeist unsachlichen Reaktion vieler AfD-Sympathisantinnen und Sympathisanten, plant Fischer keine Überprüfung des Wahlverhaltens der Eintracht-Mitglieder, sondern beruft sich vielmehr auf § 14 der Satzung von Eintracht Frankfurt, wonach ein Vereinsausschluss bei “vereinsschädigendem Verhalten besonderer Schwere, insbesondere bei Fällen von Diskriminierung, Rassismus und Gewalt” möglich ist. In diesem Licht ist Fischers Äußerung als klare Stellungnahme gegen die politischen Ziele der AfD zu werten, nicht jedoch als Drohung, in polizeistaatlicher Manier alle Mitglieder und deren politische Überzeugung zu überprüfen und zu überwachen. Der nun folgende Beitrag will Anhand von zwei Hauptargumenten - der Wehrhaftigkeit der Demokratie sowie der gesellschaftspolitischen Verantwortung des Fußballsportes - aufzeigen, aus welchen Gründen Fischers Äußerungen zu begrüßen sind - und warum auch andere Vereine eine klare Position gegen die AfD beziehen sollten.

Über die Wehrhaftigkeit der Demokratie

Die Demokratie lebt durch den Austausch von Ideen und Meinungen. Es ist in diesem Sinne kaum verwunderlich, dass vor allem den Grundrechten und hier insbesondere dem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung (Art. 5 des Grundgesetzes) in der freiheitlich demokratischen Ordnung eine zentrale, wenn nicht sogar elementare Bedeutung zukommt. Insbesondere Mitglieder der AfD berufen sich gerne auf dieses Grundrecht um ihre geistigen Ergüsse in die Welt (vornehmlich in die Sozialen Netzwerke) hineinzutragen.

Dabei gehen viele - allen voran das Bundesverfassungsgericht - von einer besonderen Wehrhaftigkeit dieser demokratischen Ordnung aus. Die Demokratie halte viel aus, muss also auch viel ertragen und kann (beziehungsweise muss) sich durch die gesellschaftliche Debatte zur Wehr setzen. So ist es nicht überraschend, dass nur selten Äußerungen von Alexander Gauland oder anderen Politikerinnen und Politikern der AfD, so provokativ und abstoßend sie auch scheinen mögen, wirklich strafbar sind oder dass nur äußerst wenige Aufmärsche von Neonazis von staatlicher Seite unterbunden werden (können). Jeder hat das Recht seine Meinung zu äußern und zu verbreiten - auch, wenn diese Meinung nicht immer allen Menschen passt.

In diesem Sinne ist es richtig, dass das eine öffentliche Unterstützung der AfD per se nicht unterbunden werden kann und unterbunden werden sollte. Richtig ist aber auch, dass eine wehrhafte Demokratie nicht nur passiv sein kann. Sie muss - wenn es geboten scheint - Position beziehen, aus dem Winterschlaf erwachen und eine klare Kante gegen rechte Hetze zeigen. Die Grundrechte sind eben nicht nur Abwehrrechte gegen den Staat, sie sind auch Ausdruck einer gewissen Werteordnung. Diese Werteordnung, diese gesellschaftlichen Ideale zu verteidigen, wenn es drauf ankommt, ist eine zentrale Aufgaben der wehrhaften Demokratie. Im Falle der AfD heißt das: Aufstehen! Aktiv werden! Stellung beziehen!

Die AfD - das scheint spätestens seit dem Abgang Frauke Petrys eindeutig - ist eine offen rechtsextreme Partei, die Grundrechte wie die Religionsfreiheit medienwirksam infrage stellt und angreift. Ihr entgegenzutreten, ihr zu widersprechen ist (wie dargelegt) Aufgabe einer wehrhaften Demokratie. Peter Fischer beteiligt sich so in seiner Position als Person, die durch seine Funktion im besonderen öffentlichen Interesse steht, am gesellschaftlichen Diskurs um eben diese Fragen. Eine Haltung, die vor dem Hintergrund einer diversen und bunten Gesellschaft sehr zu begrüßen ist: Die AfD darf sich in unserer Demokratie nicht normalisieren, sie darf nicht den politischen Alltag maßgeblich mitbestimmen. Es ist nicht hinnehmbar, dass Rassistinnen und Rassisten einen festen Platz in unserer Gesellschaft bekommen - weder im Deutschen Bundestag, noch abseits davon. Es braucht starke Menschen, die jeden Tag aufs Neue die rassistische Politik der AfD als solche entlarven - und ihr (wie Peter Fischer) aktiv entgegentreten.

Fußball als Abbild der Gesellschaft: Wie politisch ist der Fußball?

Fraglich bleibt indes trotzdem, inwieweit Fischers Amt als Vereinspräsident eines Fußballvereins ihn zu solch eindeutigen, politischen Äußerungen ermächtigen kann. Im Kern wird damit die Frage aufgeworfen, wie politisch der Fußball ist und wie politisch er sein kann.

Fußball hat in unserer Gesellschaft eine immense Bedeutung. Er ist “Volkssport Nummer Eins” und in gewisser Hinsicht auch Abbild unserer Gesellschaft. Menschen mit den verschiedensten Hintergründen kommen am Wochenende zusammen, um ihren Verein zu unterstützen - ganz gleich ob alt, jung, arm, reich oder sonst irgendwas. Fußball hat auch eine gesellschaftspolitische Aufgabe: Fußball verbindet, überwindet Grenzen und kann maßgeblich an Integrationsprozessen (zum Beispiel von Geflüchteten) mitwirken. So legt § 3 der Satzung von Eintracht Frankfurt beispielsweise die Integration ausländischer Mitglieder als Zweck und Aufgabe des Vereins fest. Fußball war nie unpolitisch - und wird es Massenphänomen auch niemals sein.

Im Kern stellt sich so im Fußball, wie auch sonst wo, die Frage danach, in was für einer Gesellschaft wir zusammenleben wollen. In einer bunten, diversen, offenen Gesellschaft, wie es beispielsweise unsere Verfassung vorgibt? Oder in einer Gesellschaft, die sich zunehmend abschottet und alles, was gewissen Idealen nicht enstpricht, ausgrenzt? Sofern die Antwort - was zu hoffen ist - auf erstere Option entfällt, lohnt es sich, Stellung zu beziehen. Als Privatperson, als Unternehmen, als Sportverein. Die Gesellschaft muss um grundlegende Ideale wieder kämpfen!

Es zeigt sich: sowohl die Wehrhaftigkeit unserer Demokratie, als auch die politische Verantwortung von Fußballvereinen rechtfertigen Peter Fischers Äußerungen hinsichtlich der Unvereinbarkeit bestimmter Werte mit den Idealen eines Fußballvereins, der sich klar gegen jedwede Form der Diskriminierung wendet und der die Integration ausländischer Mitglieder nach seiner Satzung bezweckt. Viele Vereine - auch Hertha B.S.C. - täten gut daran, dem Beispiel aus Frankfurt zu folgen. Kein Fußbreit der AfD - Nicht im Fußball, nicht in der Gesellschaft!

Rdm

 

Auch bei anderen Vereinen ist das Verhältnis zur AfD ein Streitthema [Quelle: http://www.coloniacs.com/]

Contra

Keine Frage: Die sogenannte Alternative für Deutschland ist rechtspopulistisch und in Teilen sogar rechtsextrem! Niemand der sie gewählt hat, kann ernsthaft behaupten, er hätte nicht gewusst, wofür sie steht: Das Schüren von Hass und Angst.

Und trotzdem liegt Peter Fischer mit seinem Vorstoß falsch.

Spätestens seit der letzten Wahl sind zwei Dinge klar: Erstens ist Deutschland “trotz seiner Geschichte” beileibe nicht davor gefeit, einen Rechtsruck zu erfahren. Zweitens sind Nazis schon lange keine Bomberjacken-tragenden Hohlbirnen mit Baseballschlägern mehr.

Früher konnte man sich darauf verlassen, dass NPD, DVU und Co. in schöner Regelmäßigkeit an ihrer eigenen Unfähigkeit und Lächerlichkeit gescheitert sind. Heute gibt es die AfD und mit ihrem Einzug in den Bundestag sind rechtspopulistische und menschenverachtende Positionen längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Jeder von uns kennt (potentielle) AfD-Wähler: Ob es nun der Handwerker von letzter Woche war, die Sportskameraden aus dem Verein oder gar die eigenen Eltern, die das übliche Geschwätz irgendwelcher AfD’ler unreflektiert nachplappern. Die AfD ist längst da und wir müssen damit rechnen, dass sie es auch noch eine ganze Weile bleibt, ja sogar noch stärker wird.

Ein Hauptgrund für das Erstarken dieser Partei ist aber auch der Umgang mit ihr: Wer sich nach der Bundestagswahl dieses in den sozialen Medien herumgeisternden Links bedient hat, um diejenigen Freunde zu “löschen”, die die AfD geliked haben; wer die Anträge der AfD in den Parlamenten, von der BVV bis zum Bundestag mit Missachtung straft, weil sie von der AfD sind; wer Mitglieder aus einem Verein ausschließt, weil diese auch Mitglieder bei der AfD sind, der mag zwar ein überzeugter Idealist sein, er verpasst aber wichtige Chancen.

Menschen, die ausgestoßen werden, bleiben unter sich. Für jeden AfD’ler ist es ein leichtes, in die von der Partei so hervorragend herausgearbeitete Opferrolle zu schlüpfen. Schnell ist die Rede von “Sippenhaft” (nicht umsonst ein Wort mit NS-Konnotation) und schnell wird man selbst -  der ja eigentlich die Demokratie schützen will - von denen, die die Demokratie offensichtlich mit Füßen treten als Demokratie-Ächter bezeichnet - paradox aber doch nachvollziehbar, denkt man man an andere Vereinsausschlüsse, die aus ideologischer Sicht erfolgten: 1938 wurden zum Beispiel bei Hertha Vereinsmitglieder ausgeschlossen, weil es sich bei ihnen um “Juden” im Sinne nationalsozialistischer Ideologie handelte. So lässt sich gerade wegen dieser Parallele der Opfermythos der AfD’ler aufrechterhalten (wie man sehr gut an entsprechenden Facebook-Einträgen einiger AfD-Politiker erkennen konnte), gleichzeitig stärkt sie das Selbstbewusstsein der Sympathisanten und Wähler: “Die sprechen nicht mit uns, weil sie wissen, dass wir recht haben und uns trauen, die Wahrheit abseits der Mainstreammedien auszusprechen” oder “die sprechen nicht mit uns, weil sie Angst vor unserer Bewegung haben”. Menschen, die ausgestoßen werden, bleiben nicht nur unter sich, mitunter radikalisieren sie sich sogar.

Jemand aufgrund einer Mitgliedschaft aus einem Verein auszuschließen, ist somit eine geistige Bankrotterklärung. Statt sich dem Problem “AfD” zu stellen, schaut man lieber weg. Statt denen den Rücken zu stärken, die eine weltoffene und liberale Gesellschaft wie auch Politik leben, stößt man nur diejenigen aus, die sich aus welchen Gründen auch immer von eben jener Weltoffenheit abgewandt haben. Es mag abgedroschen klingen, aber “Demokratie muss das aushalten”.

Insofern verpassen es all diejenigen, die mit purer Ablehnung reagieren, aktiv und positiv Politik zu gestalten und mit denen, die gegen eine multikulturelle Gesellschaft wettern, ins (zugegebenermaßen sehr schwierige und anstrengende) Gespräch zu kommen. Wie können wir einen offenen Diskurs fordern und von vornherein so viele Menschen davon ausschließen und stattdessen lieber in der Komfortzone unserer Filterblase bleiben?

Und wo ziehen wir die Grenze des Ausschlusses? Keine Frage, die AfD vertritt menschenverachtende Positionen und eine Auseinandersetzung fällt schon deswegen schwer. Aber wenn die Regierungsparteien Rüstungsdeals mit Ägypten und vor allem Saudi-Arabien schließen, nehmen sie auch billigend in Kauf, dass mit den verkauften Panzern und Waffen menschenverachtende Aktionen unternommen werden. Die CDU war in weiten Teilen auch gegen die Einführung der Ehe für alle, kann also durchaus auch als homophob verstanden werden. Und wenn (Achtung, fiktives und völlig überspitztes Beispiel) sich schließlich die Grünen gegen einen Stadionneubau in Berlin sperren, weil irgendein Lurch auf dem Gelände sein Unwesen treibt, dürfen wir dann auch Grüne aussperren?

Wer im Umfeld des Stadions oder im Namen des Vereins bzw. in direkt erkennbarer Verbindung zum Verein durch rassistische, diskriminierende oder menschenverachtende Äußerungen auffällt, der gehört ausgeschlossen, keine Frage. Die bloße Mitgliedschaft in einer politischen Partei darf aber nicht Auslöser dafür sein. Nicht zuletzt, weil man sich damit selbst der Möglichkeit beraubt, aktiv und positiv auf diese Person einzuwirken - auch wenn das der anstrengendste und steinigste aller Wege ist.

Fh/Dn

 

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