Besuch der Ausstellung „ausgegrenzt, verfolgt, ermordet – Sinti und Roma in Lichtenberg 1933-1945“

Ob „X Y du/ihr Zigeuner“ oder „Zick Zack Zigeunerpack“, viele von uns hörten diese Parolen nicht zuerst auf irgendwelchen Nazi-Demos oder Dokumentationen über „Rostock-Lichtenhagen“, sondern bei uns im Olympiastadion oder im Sonderzug – jedenfalls beim Fußball. Wie ernst gemeint sind solche Beleidigungen? Geht es nur darum, gegen eine andere Fanszene zu pöbeln? Oder steckt da doch auch eine ernsthafte Abneigung gegen Roma und Sinti dahinter? Wir wissen es nicht. Worüber wir uns aber im Klaren sind, ist, dass wir diese Situation nicht akzeptieren wollen. Statt nun aber einfach auf die genannten Parolen mit stumpfen Gegenparolen zu antworten, haben wir uns überlegt proaktive Aufklärungsarbeit zu leisten und aufzuzeigen, wohin es führt, wenn Rassismus – hier in der Gestalt des Antiziganismus – von bloßer verbaler Diskriminierung zu tätiger Verfolgung (und Vernichtung) führt. Aus diesem Grund haben wir – bewusst in unserer Fanszene – für einen Besuch des Museums Lichtenberg geworben, in dem noch bis Dezember 2018 eine Ausstellung mit dem Titel „ausgegrenzt, verfolgt, ermordet – Sinti und Roma in Lichtenberg 1933-1945“ zu sehen ist.

So traf sich am 31. August 2018  eine Gruppe von HfA-Mitgliedern und Sympathisanten in der Viktoriastadt und erlebte 90 Minuten voller Informationen, Hintergründe und Biografien, die uns sehr zum Nachdenken brachten. Wir hatten das Glück, eine Führung der Kuratorin Barbara Danckwortt zu bekommen, die uns weit mehr zu erzählen hatte, als auf den gut gemachten Aufstellern zu lesen war. Die Fülle der Informationen macht es nahezu unmöglich, sie hier auch nur annähernd vollständig wiederzugeben. Da können wir nur sagen: Fahrt selbst hin! Lasst Euch selbst erklären, welche wichtigen historischen Erkenntnisse derzeit im „Stadthaus“ präsentiert werden.

Wir wollen an dieser Stelle nur ein paar Erinnerungen hervorheben und für alle festhalten. Da ist zum Beispiel die Tatsache, dass die aus Nordwestindien/Pakistan eingewanderten Sinti inzwischen seit 600 Jahren in den hiesigen Gegenden leben. Das muss man sich mal klar machen:  Die Sinti sind hier eigentlich einheimischer als viele Menschen, die sich heute selbst als „Deutsche“ ansehen und bezeichnen, deren Vorfahren aber aus aller Welt kamen. Während ihre Geschichte in Deutschland also hunderte Jahre andauert, wurden sie von den „Deutschen“ (wer sind die eigentlich?) auf schlimmste Weise ausgegrenzt, verfolgt und ermordet. So erklärte der Freiburger Reichstag zum Beispiel 1498 die „Zigeuner“ für „vogelfrei“. Das war ein Freibrief zur Folter und Ermordung unzähliger Menschen. Die Verfolgung der Sinti und Roma (welche hauptsächlich vom Balkan stammten) hat in Deutschland also eine lange Tradition. Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. befahl 1725 alle „männlichen und weiblichen Zigeuner“ über 18 Jahre ohne Gerichtsverfahren zu hängen. Besonders die „Fahrenden“ unter den Sinti und Roma waren stets im Visier ihrer Peiniger. Gegen einwandernde Roma-Familien vom Balkan schürte das deutsche Kaiserreich Hass. Man sprach von der „Zigeunerplage“. Reichskanzler Otto von Bismarck erklärte 1886, dass innländische „Zigeuner“ sesshaft werden müssten, ausländische „Zigeuner“ sollten ausgewiesen werden. Klingt das so fremd für uns im Jahr 2018? Eigentlich ist es ein Wunder, wie es Sinti und Roma in Deutschland überhaupt geschafft haben, durch all diese Jahrhunderte des tätigen Hasses hindurch zu überleben.

Den traurigen Höhepunkt dieser finsteren Geschichte bildete der mörderische Hass der Nationalsozialisten, die durch die Brille ihrer Pseudowissenschaft die theoretische Grundlage für den Vernichtungsrassismus schufen. In Berlin war daran die „Rassenhygienische Forschungsstelle (RHF)“ maßgeblich beteiligt. Was für eine Einrichtung: Eine Hauptverantwortliche war Eva Justin, die aufgrund ihrer pseudowissenschaftlichen Erforschungen 1943 eine Dissertation zum „Thema“ »Lebensschicksale artfremd erzogener Zigeunerkinder und ihrer Nachkommen« veröffentlichte. Hauptthese war die biologische Vererbung von Kriminalität und damit einhergehend die Unverbesserlichkeit von „Zigeunern“. Lest euch die Worte noch einmal durch. Es ist nicht fassbar, dass so etwas deren voller Ernst war. Um „Zigeuner“ von anderen Menschen unterscheiden zu können, wurden unzählige Menschen in penibelster Form vermessen und unter Folter und Anwendung von Gewalt untersucht und ausgefragt. Ergebnis der erkennungsdienstlichen Behandlungen waren meterlange Genealogien aus „Vollzigeunern“ und „Zigeunermischlingen“, aus denen schließlich ein „Zigeunersippenarchiv“ angelegt wurde. Seit 1933/34 wurden Sinti und Roma zwangssterilisiert. Grundlage war ein Gesetz zur „Verhütung erbranken Nachwuchses“.

Jede noch so grausame rassistische Tätigkeit geschah in Nazi-Deutschland auf der Grundlage von Pseudogesetzen. Bürokratisch angeordneter Rassismus war die Legitimation von Verfolgung, Quälerei und später Völkermord. Das Schicksal der Sinti und Roma glich denen der Juden, mit denen sie seit 1935 gleichgestellt waren. Demnach waren Verbindungen mit „Deutschblütigen“ verboten. Viele Sinti und Roma kamen in kommunale Sammellager. Die Ausstellung in Lichtenberg zeigte vor allem das Sammellager in Marzahn, das damals zu Lichtenberg gehörte. Unter menschenunwürdigen Zuständen lebten dort inhaftierte Sinti und Roma und wurden zur Zwangsarbeit gezwungen. Zuständig für die Festnahme von 600 Sinti und Roma war das „Reichskriminalpolizeiamt“. In Berlin wurde eigens eine „Dienststelle für Zigeunerfragen der Kriminalpolizeileitstelle Berlin“ geschaffen.  1938 folgten Großrazzien der Polizei gegen die „Arbeitsfaulen“. Unter anderem mit dem Ziel der „endgültigen Lösung der Zigeunerfrage“ kamen etliche Sinti und Roma in Konzentrationslager wie Dachau, Sachsenhausen oder Buchenwald. Die Diskriminierungen wurden in den folgenden Jahren immer heftiger. Unter anderem durften Kinder von Sinti und Roma nicht mehr die Schule besuchen. In den Jahren des zweiten Weltkrieges kam es dann zu brutalen Mordszenarien.  1942/43 deportierten die Nazis 23.000 Sinti und Roma auf Erlass Heinrich Himmlers (SS) in das Vernichtungslager Auschwitz.  Am 2./3. August 1944 sollte das „Zigeunerlager“ in Auschwitz „liquidiert“ werden. Allein in einer Nacht starben 2.900 Sinti und Roma in den Gaskammern.  

Die Zahlen sind unheimlich, die Vorgänge kaum vorstellbar. Greifbarer wenn auch nicht weniger bitter sind da Biographien. Wir hatten das Glück gleich mehrere Lebensgeschichten zu hören.  Hier soll eine Person Erwähnung finden, die von unserem Metier nicht weit entfernt war. Da gab es zum Beispiel den populären Sportsmann Johann Wilhelm Trollmann, genannt „Rukeli“ (1907-1944). Er war einer der bekanntesten Sinti. Der aus Niedersachsen stammende Boxer ähnelte in seinem „tänzelnden Kampfstil“ dem Auftreten des später so berühmten Mohammed Ali. 1933 erkämpfte Rukeli in Berlin-Kreuzberg den deutschen Meistertitel. Die Nationalsozialisten konnten die Schmach nicht ertragen und so wurde ihm der Titel nachträglich aberkannt. Er habe in einem „undeutschen Stil“ geboxt.. Rukeli protestierte. Mit blondgefärbten Haaren und weiß gepuderter Haut trat er im nächsten Kampf so auf, dass er den Schlägen seines Gegners nicht auswich. Er ging natürlich k.o. und verlor bald danach seine Boxlizenz.  Sein Auskommen erkämpfte sich Rukeli hernach auf Rummelplätzen, bevor er verhaftet wurde und ins „Arbeits- und Bewahrungshaus“ Rummelsburg kam. Rukeli musste Zwangsarbeit leisten. 1935 wurde er zwangssterilisiert und musste sich von seiner Frau scheiden lassen. Er wurde in die Wehrmacht eingezogen und bald an der Ostfront verwundet. Bei seiner Rückkehr nach Niedersachsen wurde er schwer misshandelt und inhaftiert. Rukeli kam völlig ausgehungert und erschöpft ins KZ Neuengamme. Dort musste er zur Belustigung der SS in seinem extrem geschwächten körperlichen Zustand gegen seine Wärter kämpfen. Den offiziellen Angaben folgend verstarb Rukeli 1943 an Herzversagen. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass er im KZ-Außenlager Wittenberge von einem wütenden Kapo mit einem Knüppel erschlagen wurde. Aus Frust wegen einer Niederlage im Boxen.

Rukeli Trollmann
Johann Wilhelm Trollmann, genannt „Rukeli“ (1907-1944), Copyright Manuel Trollmann

Der Gang durch die Ausstellung zeigte uns, dass mit dem Kriegsende 1945 keineswegs die Ausgrenzungen und Verfolgungen von Sinti und Roma in Deutschland beendet waren. Weder in der offiziell „antifaschistischen“ DDR, noch in der sozial-marktwirtschaftlichen BRD gab es ausreichend angemessene Entschädigungen für die Opfer oder Gerichtsverfahren gegen ehemalige Täterinnen und Täter aus der NS-Zeit. Die Verfahren etwa gegen die in Berlin tätigen Kripo-Verantwortlichen für die „Zigeunerverfolgung“ wurden eingestellt. Ihre Polizei-Karriere auf der Führungsebene ging unvermittelt weiter. Als Gipfel der Krone traten sie bei Entschädigungsverfahren sogar gegen Sinti und Roma vor Gericht auf.

Kurz um: Die Ausstellung ist auf jeden Fall sehr zu empfehlen. Wer mit einer Gruppe nach Lichtenberg fahren möchte, sollte das Angebot einer Führung durch Barbara Danckwortt annehmen. Auf sämtliche Fragen, die sich beim Besuch der Ausstellung ergeben, antwortet sie sehr kompetent und immer wissenschaftlich fundiert. Gerade in Zeiten von Fake News und Fake Science ist das für alle, die sich ernsthaft mit der Materie beschäftigen wollen die entscheidende Grundvoraussetzung. 

Nach der Führung gönnte sich ein Teil der Gruppe noch ein, zwei Bier im Kiez. Dabei war schnell klar, dass wir eine Folgeveranstaltung zum Thema „Antiziganismus“ durchführen wollen. Denn was der gelebte Hass gegen Sinti und Roma damals und heute für Folgen für die Opfer hat, scheint gerade Fußballfans beim leichtfertigen Gebrauch von antiziganistischen Parolen nicht bewusst zu sein. Und jenen, die ganz bewusst gegen Sinti und Roma pöbeln, sollte der Fußball keine Bühne (mehr) liefern. Hier sind alle gefragt, mutig aufzustehen, den Kopf zu benutzen und laut zu widersprechen.

Danke an das Museum Lichtenberg und danke an alle die dabei waren für einen gelungenen Abend! Haltet Augen und Ohren auf. Wir wollen an diesem Thema dranbleiben.

Hertha für Alle im September 2018

Inhaltliche Grundlage: Broschüre zur Ausstellung, Ausführungen der Kuratorin

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