Interview mit “Fußballfans gegen Homophobie”

Als Initiative, die sich gegen Rassismus und jede Form von Diskriminierung beim Fußball einsetzt, fragt man sich manchmal: Wie machen das andere? Wie arbeiten eigentlich vereinsübergreifende Initiativen? Um einen kurzen Einblick zu erhalten, haben wir unsere Fragen „Fußballfans gegen Homophobie“ gestellt. Denn, ganz ehrlich, viel mehr als die T-Shirts und die Zaunfahne waren uns über FFgH nicht bekannt. Wie der Name bereits deutlich macht, hat sich die Initiative besonders dem Thema Homophobie gewidmet. Bei uns wird das Thema seit einigen Jahren durch den Fanclub „Hertha-Junxx“ im Stadion aufgegriffen. Viele Grüße daher an dieser Stelle: Hut ab vor Eurem Mut, sich als schwul-lesbischer Fanclub bewusst der Fan-Öffentlichkeit zu stellen.

Euer Banner „Fußballfans gegen Homophobie“ sieht man mittlerweile immer wieder in unterschiedlichen Stadien. In wie vielen Stadien war das Banner schon und wie entstand die Idee dazu?

Vor sieben Jahren gab es noch wenige Vereine und Gruppen die sich überhaupt mit dem Thema Homophobie als Problem auseinandergesetzt haben. Wir wollten als Fußballfans ein Zeichen setzen. Zuerst wollten wir einfach etwas im Zuge der FAREActionWeek, eine Aktionswoche, die sich gegen Diskriminierungen jeglicher Art wendet, starten. Daraus entstand dann das Banner „Fußballfans gegen Homophobie“, was wir beispielsweise bei den "Respect Gaymes" in Berlin, ein Fußballturnier, welches sich für mehr Akzeptanz für Schwule und Lesben einsetzt, und beim Christopher Street Day zeigen wollten. Daraus entwickelte sich die Idee, das Banner ebenfalls in Stadien bei befreundeten Fangruppen zu zeigen. Schnell beteiligten sich auch andere Fangruppen mit denen wir bis dahin kein Kontakt hatten.

Das überraschte uns damals sehr, mittlerweile kommen wir auf über 150 Stationen in Deutschland, vom Freizeitturnier bis zur Bundesliga. Wir haben aber auch ein Banner mit der Aufschrift „Football fans against homophobia“, welches international auf Reise geht. Das Internationale Banner hatte seine erste Station in Kroatien, was man so auch nicht erwarten würde, später war es sogar in Kanada, und in den USA gibt es ein eigenes Banner bei den Portland Timbers.

Welche Aktionen organisiert ihr?

Neben dem Wanderbanner, das sich gegen Homophobie richtet und immer wieder durch verschiedene Stadien und Städte reist, um andere Gruppen und Personen, die sich gegen Homophobie engagieren, zu unterstützen, drucken wir Flyer und verkaufen T-Shirts mit entsprechendem Aufdruck gegen Homophobie. Darüber hinaus bieten wir auch ein Netzwerk, welches bei unseren Netzwerktreffen zusammenkommt, so haben wir 2016 das bisher größte Treffen dieser Art ausgerichtet, als wir zur Football Pride Week nach Berlin eingeladen haben, um mit aktiven Fans, Vertretern der Vereine und Verbände über Homophobie im Fußball und Gegenstrategien zu sprechen. Auch unser Hallenturnier findet nächstes Jahr bereits zum sechsten Mal statt und wird immer größer. Wir bieten aber auch Bildungsangebote wie Workshops und Vorträge an.

Podiumsdiskussion während der Football Pride Week

Welche Probleme gibt es momentan im Fußball mit Homophobie? Auf welche Art und Weise äußert sich diese?

Die Homophobie findet auf vielen verschiedenen Ebenen statt, am deutlichsten wird diese in den Stadien vor allem durch Beleidigungen wie „Schwuchtel“ oder „Tunte“ und Bannern mit homophoben Aufschriften, wie bspw. „Homofotzen“ oder „Gay Gunners“, woraus auch häufig die Annahme entsteht, dass die Fans das größte Problem sind. Das ist natürlich nicht ganz falsch, sie tragen zu einem Klima bei, in dem es schwer ist, sich als Spieler, aber auch z.B. als Fan zu outen, das betrifft aber so ziemlich alle Bereiche des Fußballs. Wir sollten auch aufhören, immer nur von den Spielern zu sprechen, es betrifft auch Trainer*innen, Manager*innen, Funktionär*innen, Angestellte in den Geschäftsstellen usw. Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass Menschen über ihre Liebe sprechen und zu dieser stehen können, dass dies nicht möglich ist finden wir schade und ist auch ein Grund warum wir uns gegen Homophobie engagieren.

Wer hat das Recht darüber zu urteilen, was macht den Menschen anders? Er oder sie wird ja immer noch einen guten Job machen, vielleicht sogar einen besseren, weil er/sie frei von Blockaden und Ängsten ist.

Hertha BSC und auch andere Vereine setzen sich mit Kurzvideos und verschiedenen Aktionen gegen Homophobie ein, trotzdem sind homophobe
Sprüche auch bei Hertha und in der Bundesliga, immer noch wahrnehmbar. Warum ist Homophobie immer noch so verbreitet und was kann man dagegen tun?

Gesellschaftlich haben wir heute vermeintlich eine größere Akzeptanz, das trifft auch auf viele Bereiche wie z.B. Politik und Kunst zu, jedoch ist es noch längst nicht selbstverständlich, immerhin sprechen wir noch immer von einem Coming-out. Da macht auch der Fußball keine Ausnahme. Das Thema beschäftigt den Fußball auch erst seit kurzem, bis Thomas Hitzlsperger über sein schwul sein gesprochen hat, gab es ganz sicher noch Leute die daran geglaubt haben, das kein Spitzenfußballer schwul sein kann. Das liegt offensichtlich noch immer außerhalb der Vorstellungskraft Vieler, auch das vielleicht im eigenen Umfeld jemand schwul oder lesbisch sein könnte, das würde man doch merken, so denken zumindest viele. Das ist natürlich quatsch, wir erkennen es eben nicht. Das macht es aber auch so schwierig, Menschen machen sich so ihre Vorstellungen und leben mit den gebauten Schubladen, und wenn diese dann noch durch andere oder z.B. Medien bestätigt werden, muss das ja dann so sein. Das ist jetzt etwas einfach runtergebrochen.

Anscheinend vertreten viele so z.B. noch die Ansicht, dass Härte und Männlichkeit nicht mit Homosexualität im Einklang steht, was natürlich auch Unsinn ist. Die meisten geouteten Sportler kenne ich im Rugby. Als Fan kann man vor allem auf homophobe Vorfälle aufmerksam machen, mit dem Verein das Gespräch suchen oder Statements setzen, die sich gegen Ausgrenzung richten und sich für eine Sensibilisierung für die Thematik einsetzen.

Wie bewertet ihr homophobe Sprüche beim Fußball? Sind das nur „derbe Sprüche“ oder steckt dahinter eine ernsthafte Feindseligkeit gegenüber Homosexuellen?

Erst einmal ist jeder Spruch einer zu viel und auch einfach dumm. Es ist vielleicht nur ein Spruch oder ein dummer Witz, der vielleicht nicht so gemeint war, oder doch? Woher soll das der andere wissen? Wir wissen nicht wie sich der andere fühlt und er wird sich uns auch nicht anvertrauen können. Letztendlich muss der andere davon ausgehen, dass eine gewisse Abneigung gegenüber LGBT besteht. Derbe Sprüche verstärken diese Vorurteile und Stereotype noch zusätzlich. Wenn dann niemand etwas dagegen sagt, verstetigt sich das noch weiter.

Fußball gilt als Sportart mit einem besonders stark ausgeprägten Männlichkeitsentwurf. In wie weit ist dieser verantwortlich für Homophobie?

Ich würde sogar von einer übertriebenen Männlichkeit im Fußball sprechen. Häufig wird Männlichkeit mit Härte, Stärke und Durchsetzungsvermögen in Verbindung gebracht, Schwule gelten dagegen als weiblich, ihnen wird schlichtweg abgesprochen, richtig und gut Fußball spielen zu können, genauso wie es diesen Vorwurf häufig gegenüber Frauen gibt. Wenn es also so einen hypermaskulinen Entwurf gibt, wirkt sich das begünstigend auf Homophobie aus.

Wie habt ihr die Vergabe der Weltmeisterschaften nach Katar und Russland bewertet? Schließlich sind das Länder, die beide oft mit Homophobie in Verbindung gebracht werden?

Es gibt denke ich viele Sachen, die man bei dieser Vergabe kritisieren kann, in Bezug auf unser Thema bereitet mir das aber schon noch weitere Sorgen. Wir haben jetzt zwar während der Fußball-WM der Männer in Russland vergleichsweise wenig mitbekommen, und die Verhaftungen hielten sich in Grenzen, jedoch haben wir auch eine Verschärfung der Gesetze erfahren und das insbesondre auch seit der Vergabe der WM. Es wird die wunderbare schillernde Fußballwelt vermittelt, währenddessen ein Konzentrationslager für LGBTIQ in Tschetschenien gebaut wird.

Zu Katar sagte der damalige FIFA-Präsident Sepp Blatter, hinsichtlich der Homophobie die in Katar vorherrscht, dass Homosexuelle während der WM in Katar auf Sex verzichten sollten, da homosexueller Geschlechtsverkehr in Katar immer noch illegal ist und mit bis zu fünf Jahren Gefängnis und 90 Peitschenhiebe bestraft werden kann. Damit ist dann eigentlich auch schon fast alles gesagt.

Welche positiven Entwicklungen lassen sich in der Akzeptanz von Homosexualität im Fußball erkennen?

Ich glaube unser Banner und die vielen Stationen und Stadien, in denen es schon gezeigt wurde, sind sicherlich ein gutes Zeichen dafür, dass es eine vermehrte Akzeptanz bei den Fans gegenüber Homosexuellen gibt. Auch gibt es bei fast jedem Bundesliga-Verein schwul-lesbisch und queere Fanclubs und in den Vereinen gibt es ebenfalls vermehrt eine Auseinandersetzung mit dem Thema. Hertha BSC hat ja auch die Regenbogenfahne zu den Pride-Weeks gehisst, und der HSV hat mit Regenbogenfahnen als Eckfahnen ihr Auftaktspiel in der 2. Bundesliga bestritten.

Die Fahne von FFGH ist häufig bei Spielen von Tennis Borussia zu sehen

Hat sich die Akzeptanz von Homosexuellen seit dem Outing von Thomas Hitzlsperger im Fußball verbessert?

Ja, einfach, weil es ganz sicher an jedem Stammtisch für kurze Zeit Thema war und Homosexualität im Fußball nicht länger ein Tabu-Thema war. Thomas Hitzlsperger hat es durch sein Outing geschafft, dass endlich gesehen wurde, dass es auch homosexuelle Spitzenfußballprofis gibt. Thomas passte auch ganz sicher nicht in die gängigen Schubladen, schon alleine sein Spitzname spricht für sich „The Hammer“.

Glaubt ihr, dass ein Outing von homosexuellen Sportler*innen mittlerweile möglich wäre, ohne eine gesellschaftliche Stigmatisierung zu erfahren? Welche Umstände würden ein Outing vereinfachen?

Wir werden es hoffentlich schon bald sehen. Erst vor kurzem hat sich ja der US-Profi Collin Martin, ein Mittelfeldspieler von Minnesota United geoutet. Wir hoffen natürlich, dass es auch in Europa möglich ist. Jede Person sollte ohne sich verstecken zu müssen die Person lieben, den er oder sie möchte, ganz unabhängig davon, welche Sexualität eine Person hat. Dafür braucht es aber noch mehr Aufklärung und Sensibilisierung für das Thema, ganz besonders braucht es aber auch Menschen die sich dafür stark machen, wenn wir das geschafft haben, sind wir auf einem guten Weg.

Wir bedanken uns ganz herzlich für die Beantwortung all unserer Fragen!

Weitere Infos unter:
Blog von FFGH und auf der Facebook-Seite von FFGH

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