Interview mit HB’98 zu “Hertha wärmt!”

Am Samstag vor dem Dortmund-Spiel ist es wieder soweit: Einmal im Jahr machen die Harlekins Berlin mit einer mittlerweile etablierten Spendensammlung aufmerksam auf Obdachlosig- und Wohnungslosigkeit.

Wie viele Obdachlose es in Berlin gibt, kann nur grob geschätzt werden. Die Schätzungen liegen zwischen 3.000 und 10.000 Menschen. Um die genaue Zahl zu erfassen und entsprechend die Hilfsangebote anzupassen, findet im Januar eine Obdachlosenzählung statt, an der man selbst auch teilnehmen kann. Weitere Infos gibt es bei berlin.de

Dazu kommen bedingt durch die angespannte Wohnungssituation allein in Berlin über Zehntausende Wohnungslose, welche entweder in staatlichen Notunterkünften leben, oder bei Bekannten unterkommen.

Wir haben mit Cody von den Harlekins Berlin 98 darüber ebenso gesprochen wie über die Spendensammlung am Samstag und wie man sich darüber hinaus für Obdachlose engagieren kann.

Was war der Auslöser bzw. die Motivation, als ihr vor acht Jahren mit dieser Spendensammlung begonnen habt?

Cody: Eigentlich war es etwas ganz alltägliches. Einfach mal ausmisten, nachdem ein Mitglied unserer Gruppe festgestellt hat, dass da in seinem Kleiderschrank so einiges an brauchbarer Kleidung rumlag, die er selbst nicht mehr anziehen wollte.

Die Spendensammlung findet mittlerweile in Kooperation mit der Berliner Stadtmission statt. Wie kam es dazu und was hat euch an der Stadtmission schließlich überzeugt?

Cody: Begonnen haben wir ja mit dem „mob e.V.“, einem Verein der die Hilfe zur Selbsthilfe forciert und vor allem für die Obdachlosenzeitung „Straßenfeger“ bekannt ist. Dieser Verein musste leider seinen Anlaufpunkt in der Prenzlauer Allee aufgeben und hatte somit keine Möglichkeiten die Spenden zu lagern und zu sortieren. Mit der Berliner Stadtmission haben wir einen Partner gefunden der sich ein breites Netzwerk in der Unterstützung von Obdach- und Wohnungslosen in ganz Berlin aufgebaut hat. Sei es die Anlaufstellen an sämtlichen großen Bahnhöfen der Stadt, die Notunterkünfte zum Übernachten, die Kleiderkammer in der Lehrter Str. unweit des Hauptbahnhofs oder den Berliner Kältebus. Hier konnten wir uns sicher sein, dass die Spenden auch tatsächlich ankommen. Eine Kontaktaufnahme war damals unproblematisch und ist nun ein Selbstläufer, zumal sich unter den teilweise ehrenamtlichen Helfern auch Herthafans befinden, welche uns sofort mit offenen Armen empfangen haben.

Könnt ihr sagen, was über die Jahre am meisten gespendet wurde?

Cody: Das ist relativ schwer zu sagen. Die meisten Spenden kommen in großen Säcken, wo man nur erahnen kann, was sich darin befindet. Gefühlt sind es jedoch Oberbekleidungen wie Pullover und Jacken. Was wir aber sicher sagen können ist, dass gerade Unterwäsche zu wenig gespendet wird. Das liegt aber vor allem daran, dass die Stadtmission aus hygienischen Gründen nur ungetragene Unterwäsche annimmt und ausgeben kann.

Nicht jeder hat die passende Kleidung da, um diese spenden zu können? Was kannst du diesen Leuten empfehlen, wie können Sie trotzdem etwas Sinnvolles spenden?

Cody: Die Mitarbeiter und Ehrenamtlichen der Stadtmission sind auch dieses Mal mit einer großen Anzahl vor Ort und sammeln auch Geldspenden, mit diesem Geld werden dann zum Beispiel Unterwäschen etc. gekauft. Wir haben in Absprache mit der Stadtmission eine Bedarfsliste veröffentlicht, da kann jeder einsehen was noch alles benötigt wird.

Zelte und Isomatten gehören zu den Highlights, aber auch Thermoskannen oder Taschenlampen. Wie sinnvoll ist, diese Sachen zu kaufen und zu spenden?

Cody: Ich denke wir alle wissen wie kalt der Winter in Berlin werden kann, nur ist es für uns ein leichtes ins wärmende Heim zu gehen und schon wird uns wieder warm. Den Menschen die auf der Straße leben, die vielleicht keinen Platz in den begrenzten Notübernachtungsstellen ergattern können und weitestgehend aus den U-Bahnhöfen vertrieben wurden, erleben diese Kälte 24 Stunden am Tag. Sie schlafen unter dunklen, zugigen Brücken und eisig kalten Boden, da ist jede Möglichkeit etwas Wärme zu spenden dringend angebracht.

Eure Spende richtet sich jedes Mal an obdachlose Menschen und Wohnungslose. In den letzten Jahren waren diese Menschen immer auch wieder Ziele sinnloser Angriffe, z.b. als am S-Bhf. Neukölln Schlafsäcke von Obdachlosen angezündet wurden, im U-Bhf. Schönleinstr. sogar ein Obdachloser selbst. Inwiefern kann eure Aktion Menschen sensibilisieren und dieser Verrohung etwas Einhalt gebieten

Cody: Unsere Aktion wird sicherlich nicht die notwendige Unterstützung sein, um solche Taten in Zukunft verhindern zu können. Wenn wir aber mit unserer Aktion etwas mehr Bewusstsein für diese Menschen, die sonst überhaupt keine Lobby haben, schaffen können, dann ist das schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Im stressigen Berliner Alltag sind Obdachlose kaum sichtbar und wenn doch dann erhalten sie abwertende Blicke.

Nun kann die Kleiderspende lediglich die Auswirkungen, nicht aber die Ursachen von Obdachlosigkeit lösen. Welche Probleme seht ihr und gibt es Potential zur Verbesserung, z.B. durch private Initiativen oder auch durch den Senat?

Cody: Die Ursachen sind vielschichtig, um das aufzudröseln bräuchte man sicherlich weitaus mehr als private Initiativen. Der politische Wille müsste erstmal vorhanden sein, dass Menschen die durch Einzelschicksale, aber auch durch die innerstädtische Verdrängung ihren Wohnraum verlieren und irgendwie aufgefangen werden können. Anstatt noch mehr Hotels und Büros zu bauen, brauchen wir günstigen Wohnraum und ausreichend Unterkünfte für Obdachlose, damit sie eben nicht jeden Abend ein Gerangel um die wenigen Schlafmöglichkeiten in der Stadtmission ertragen müssen.

Wir können aber jedem nur raten nicht wegzuschauen, wenn ihr jemanden seht der auf der Straße oder unter einer Brücke liegt. Es gibt Unterstützungsmöglichkeiten wie die Kältebusse. Ein Anruf kostet heutzutage nichts mehr und schon gibt es unkomplizierte Hilfe

Kältebus der Berliner Stadtmission: 0178 5235 838
Kältebus der Gebewo: 0178 5235 838
DRK Wärmebus: 0170 9100 042

Um Notunterkünfte, Wohnungen, Wärmestuben und Ambulanzen zu finanzieren, könnt Ihr der Caritas und der Berliner Stadtmission mit Geldspenden helfen.

Ganz einfach helfen könnt Ihr auch per SMS: Indem Ihr das Wort "kalt" an die 81190 sendet, werden Euch fünf Euro von Euer nächsten Handyrechnung abgebucht. 4,83 Euro davon gehen direkt an den Berliner Kältebus, der Rest sind Gebühren.

Wenn sich Menschen dazu entscheiden, durch eure Sammelaktion selbst aktiv zu werden, welche Anlaufstellen kannst du empfehlen?

Cody: Die Berliner Stadtmission oder auch die Caritas Berlin hat, wie bereits erwähnt, ein großes und gutes Netzwerk. Ein Blick auf deren Homepage und schon findet man eine passende Anlaufstelle. Es gibt aber auch Kleiderkammern in vielen Berliner Bezirken. Ehrenamtliche Mitarbeit für ein paar Stunden im Monat ist beispielsweise auch eine gute Möglichkeit sich einzubringen.

Wie kann man euch an diesem Tag bei der Sammelaktion noch unterstützen, außer durch die Spenden selbst?

Cody: Macht die Aktion in der Familie und im Freundeskreis bekannt und sammelt brauchbare Spenden, die ihr dann vor dem Heimspiel gegen Borussia Dortmund auf dem Olympischen Platz (Eingang Osttor) bei uns abgebt.

Ansonsten gibt es die bereits erwähnte Möglichkeit per SMS zu spenden, indem Ihr das Wort "kalt" an die 81190 sendet.

Vielen Dank für deine & eure Zeit und eure Antworten!

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